Guanyu Guo, der Autor von Die Metamorphose des Lebens. Die Verwandlung, Realisierung und Erscheinung der Lebensidee in Hegels System, studierte westliche Philosophie an der Fudan Universität in Shanghai und promovierte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit einer Arbeit über Hegels Idee des Lebens. Sein Forschungsschwerpunkt ist Deutscher Idealismus, Phänomenologie und Östliche und Westliche Philosophie im Vergleich. Er ist tätig an der Southeast University, Nanjing, China. Im Interview mit Henrik Koenig beantwortet Guanyu Guo Fragen zu seinem neuen Buch.
K&N:
Was hat Sie dazu bewegt, sich mit Hegels Idee des Lebens auseinanderzusetzen?
Guo:
Vor allem die systematische und zugleich aktuelle Bedeutung dieser Thematik für das Verständnis der Hegelschen Philosophie hat mich überzeugt.
Erstens besitzt der Begriff des Lebens im System Hegels eine herausragende Stellung. Als unmittelbare Idee und direkte Manifestation der spekulativen Wahrheit bildet sie einen bedeutenden Punkt, aus dem Hegel eine Vielzahl von Lebenskonzeptualisierungen entwickelt: vom unvergänglichen Leben der absoluten Idee, über den pflanzlichen und tierischen Organismus, bis hin zu den Formen des geistigen Lebens. Diese Lebenskonzepte sind auf organische Weise in den Gesamtorganismus seiner Philosophie integriert und verleihen der Idee des Lebens eine relevante, systematische Funktion.
Zweitens ist Hegels Lebensbegriff bemerkenswert aktuell. Seine Bestimmungen der inneren Teleologie, des Selbstzwecks und der organischen Ganzheit weisen eine tiefe Resonanz mit modernen wissenschaftlichen Paradigmen auf, insbesondere mit der biologischen Teleonomie und der Theorie der Selbstorganisation. Hegels Einsicht, dass das Lebendige als zweckmäßige Totalität durch Selbstbestimmung charakterisiert ist, bietet bis heute eine philosophische Grundlage für das Verständnis komplexer, dynamischer Systeme.
K&N:
Im Unterschied zu Kant versteht Hegel den Lebensbegriff im Allgemeinen nicht aus der Perspektive eines transzendentalen Idealismus, sondern auch aus logischer Sicht. Was ist Ihrer Meinung nach dadurch gewonnen? Interpretieren Sie Hegels Logik in diesem Zuge als Ontologie?
Guo:
Der transzendentale Idealismus bzw. die beobachtende Vernunft gelangt nach Hegel nur zu einem abstrakt-allgemeinen Lebensbegriff. Diesem fehlen im strengen Sinne die vernünftige Gliederung, die wirkliche Selbstunterscheidung, die systematisierende Entfaltung sowie die wahrhafte, ‚fürsichseiende‘ Vermittlung. Daher vermag er nicht das Wissen als Einsicht in die Notwendigkeit zu erwerben.
In der Phänomenologie des Geistes wird Hegel einerseits vom Verdacht des Dogmatismus freigesprochen, und andererseits werden der Skeptizismus und der psychologisch idealistische Standpunkt Kants aufgehoben. Mithilfe der spekulativen Logik ist es hingegen möglich, die wesentlichen Bestimmungen der Dinge zu begreifen und so zu einer begreifenden Erkenntnis des Lebens zu gewinnen.
Die Logik ist in diesem Sinne jedoch nicht als Ontologie im überlieferten Verständnis zu fassen, also als Wissenschaft vom Seienden als solchem. Der bekannte Hegel-Forscher Hans Friedrich Fulda charakterisiert Hegels Position daher treffend als „Metaphysik ohne Ontologie“. Im Unterschied zur vorkantischen Ontologie ist Hegels neuartige Metaphysik eine Metaphysik des Denkens bzw. des Logischen selbst.
K&N:
Hat der hegelsche Lebensbegriff ethische Implikationen für unseren Umgang mit Leben im Allgemeinen und menschlichem Leben im Speziellen? Und wenn ja, welche besonders?
Guo:
Hegels Lebensbegriffe sind eine begriffliche Reihe, die eine ethische Bedeutung besitzt. So hat beispielsweise der menschliche Organismus eine ethische Dimension, indem er die einzig mögliche natürliche Daseinsform des Geistes darstellt; die Vereinigung der Geschlechter wird durch die Ehe in eine geistige, selbstbewusste Liebe umgewandelt und erhält eine geistige, ethische Bestimmung; der Staatsorganismus ist die Wirklichkeit des sittlichen Lebens, und der moderne Staat als vernünftig organisierter Organismus ist eine der bedeutendsten Erscheinungsformen der Idee des Lebens.
K&N:
Was können wir aus Hegels Begriff für unsere heutige begriffliche Auffassung vom Leben mitnehmen?
Guo:
Wie wir bereits bei der ersten Frage diskutiert haben, bietet Hegels Einsicht, dass das Lebendige als zweckmäßige Totalität durch Selbstbestimmung charakterisiert ist, bis heute eine philosophische Grundlage für das Verständnis komplexer, dynamischer Systeme. Hier ist hervorzuheben, dass Hegel das Leben in einem weiten Sinne versteht: Nicht nur kohlenstoffbasierte Organismen sind als Leben zu betrachten; vielmehr lassen sich zahlreiche Phänomene im geistigen Bereich unter dem Begriff des Lebens fassen. Alles, was eine innere Zwecktätigkeit aufweist, kann als eine Form von Leben in den Blick genommen werden.
Diese erweiterte Perspektive bietet einen tiefgreifenden theoretischen Rahmen, um über die Möglichkeit siliziumbasierten Lebens in der Zukunft sowie über eine Welt der Wechselwirkung und Intersubjektivität zwischen kohlenstoff- und siliziumbasierten Entitäten nachzudenken. Angesichts der vielfältigen Herausforderungen durch die Lebenswissenschaften und die künstliche Intelligenz kann es sich daher lohnen, auf Hegels Idee des Lebens zurückzukommen.
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