Vom heute journal ins Jahr 1805: Der Historiker und freie Journalist Christoph Söller (geb. 1992) beherrscht die Kunst, Geschichte lebendig werden zu lassen. Er verknüpft in seinem Debütroman Der Gestank der Freiheit akribische Recherche mit packender Erzählkunst.
Er führt uns in ein zerrissenes Europa, in dem der Soldat Thibaut unter Marschall Bernadotte für eine Freiheit kämpft, die er kaum noch greifen kann, während die Kaisertochter Maria-Ludovica zum Spielball hochadliger Intrigen wird.
Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen: In unserem Interview verrät der Autor spannende Details über die Entstehung seines Romans.
- Warum haben Sie gerade die Napoleonischen Kriege als historischen Rahmen für Ihr Buch gewählt?
Ich bin während meines Geschichtsstudiums auf diese Epoche aufmerksam geworden. Meiner Meinung nach hat sie alle Zutaten, die es für eine gute Geschichte braucht: spannende Charaktere, Intrigen, Kriege, Hochzeiten, Verrat und Umbrüche. Die Weltliteratur hat sich dieses Themas oft angenommen, denken Sie nur an „Krieg und Frieden“ von Tolstoi. Ich wollte die Geschichte aber anders erzählen, das große Panorama zeichnen. Deswegen die verschiedenen Hauptcharaktere, aus deren Perspektive sich die Geschichte nach und nach zusammensetzt. Außerdem ist unsere Geschichte untrennbar mit Napoleon verbunden. Er wurde schließlich – wenn auch unfreiwillig – zum Geburtshelfer der deutschen Nation.
- Eine Ihrer Protagonistinnen, Maria-Ludovica, lernt im Verlauf des Buches, dass alte Bündnisse in einer Zeit des Umbruchs nichts mehr wert sind. Spielen Sie damit auf die aktuelle politische Bündnissituation zwischen Europa und den USA an? Wiederholt sich in gewisser Weise die Geschichte? War dies Teil eines Grundes, wieso Sie diese Geschichte aufs Papier bringen wollten?
Nein, ich wollte einfach die Geschichte aufschreiben, die ich selbst gerne gelesen hätte. Dafür habe ich versucht, mich an den tatsächlichen historischen Ereignissen und damaligen Bündnissen zu orientieren. Aber natürlich erleben wir gerade auch eine Welt in Unordnung und wenn Leserinnen und Leser hier Parallelen feststellen, dann soll es so sein. Die Welt kehrt gerade zurück zu Nationalismus und dem Recht des Stärkeren. Gerade für uns Europäer ist das eine bittere Erfahrung, weil wir alle geglaubt haben, dass wir diese Zeiten hinter uns gelassen haben. Ich würde aber die Situation im frühen 19. Jahrhundert nicht mit der jetzigen vergleichen.
- Wie war es für Sie persönlich, sich in das Erleben des Krieges hineinzudenken und -fühlen?
Ich habe keine Ahnung vom Krieg, also musste ich recherchieren. Ich habe versucht, mich über historische Quellen dem Thema anzunähern: Tagebucheinträge, Briefe, Berichte. Und natürlich helfen auch Vorstellungsvermögen, Empathie und Fantasie. Ich glaube, dass Jungs wie Thibaut oder Dimitri ähnlich gefühlt haben wie wir heute auch: Sie hatten Träume, Hoffnungen, Heimweh, Liebeskummer, Angst. Vermutlich fühlen die Soldaten, die gerade in der Ukraine oder anderswo in der Welt kämpfen müssen, das Gleiche wie diese Jungs vor mehr als 200 Jahren. Warum sollte es auch anders sein?
- Wie wichtig ist der „Krieg in den Hinterzimmern und Ballsälen“ im Verhältnis zum Krieg auf dem Schlachtfeld?
Kriege beginnen nie auf offenem Feld oder im Schützengraben, sie beginnen in Verhandlungszimmern, an Schreibtischen oder Rednerpulten. Und meistens enden sie auch dort. Mein Eindruck ist, dass Kriege oft aus den Eroberungsgelüsten einzelner Männer entstehen oder aus Kränkungen oder Narzissmus. Kriege müssen vorbereitet werden, und dafür braucht es Netzwerke: Politiker, Mäzene, Generäle. Insofern sind die Hinterzimmer immer essenziell. Deswegen wollte ich diese Seite in meinem Roman auch unbedingt mit erzählen.
- Was kann man Ihrer Meinung nach aus der Geschichte der Koalitionskriege für die heutige Zeit lernen?
Im frühen 19. Jahrhundert war Krieg ein völlig gängiges Mittel der Politik. Selten gab es in Europa eine Friedensphase, die wirklich stabil war und lange anhielt. Es ist ein gewaltiger zivilisatorischer Fortschritt, dass wir Europäer nach unserer blutigen Geschichte gelernt haben, nicht mehr bei jeder Meinungsverschiedenheit übereinander herzufallen. Gleichzeitig sehen wir, dass Geschichte immer wieder als Legitimation für Kriege herangezogen wird. Denken Sie nur an Putin und sein Gerede über das Zarenreich, über alte Ansprüche und seine Vergleiche zwischen seinem Angriffskrieg und dem großen Vaterländischen Krieg gegen Nazi-Deutschland. In Wahrheit ist das aber Instrumentalisierung von Geschichte. Ich glaube, die Geschichte kann keine politischen Lehren oder Handlungsanleitungen liefern, aber sie kann vielleicht Hoffnung geben: Wie viele unzählige Kriege und Tote gab es zwischen Frankreich und Deutschland? Heute sind wir Nachbarn, die friedlich zusammenleben, zusammenarbeiten und Europa prägen. Vielleicht kann es eine ähnliche Nachbarschaft irgendwann auch zwischen Russen und Ukrainern oder Israelis und Palästinensern geben. Das mag aus heutiger Sicht weit weg erscheinen, aber vor 80 Jahren war es das zwischen Deutschland und Frankreich auch.
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