Beschreibung
Wie konnte sich antiziganistisches Wissen nach dem Ende des Nationalsozialismus in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft behaupten? Ausgehend von dieser Frage untersucht die vorliegende Studie die Geschichte der deutschsprachigen Forschung über Sinti und Roma und ihre Bedeutung für den bundesdeutschen Umgang mit der Minderheit. Im Zentrum steht der Mediziner Hermann Arnold (1912–2005), der über Jahrzehnte als maßgeblicher Experte galt und die wissenschaftliche, politische und sozialpädagogische Auseinandersetzung nachhaltig prägte. Auf der Grundlage umfangreicher Archivbestände und einer historischen Diskursanalyse rekonstruiert die Arbeit die Kontinuitäten rassenhygienischer Deutungsmuster nach 1945, ihre Transformation im Kontext der Bundesrepublik sowie ihre Infragestellung durch die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma. Zugleich zeichnet sie die Entstehung und Durchsetzung des Begriffs »Antiziganismus« nach und verortet dessen Entwicklung im Spannungsfeld von Wissenschaft, Erinnerungspolitik und gesellschaftlicher Emanzipation. Die Untersuchung verbindet Wissenschafts-, Diskurs- und Begriffsgeschichte und eröffnet eine neue Perspektive auf die Geschichte antiziganistischer Wissensordnungen in Deutschland. Sie leistet damit einen grundlegenden Beitrag zur historischen Antiziganismusforschung und zur kritischen Reflexion wissenschaftlicher Deutungsmacht.

