Beschreibung
Leon Battista Alberti hat in seinem Lukian nachgereichten Enkomion Musca die Fliege zum »philosophischen Insekt« erklärt. Neugierde und Beharrlichkeit disponieren mitsamt dem dominanten Gesichtssinn zu einer Stilisierung, die obendrein Gleichgültigkeit selbst gegen existenzielle Risiken untrennbar mit dem Geschäft des Erkenntnisgewinns verbunden sieht. Wagt man im Gegenzug zur humanistischen Vorgabe den Versuch, die Fliege ihrerseits mit kulturgeschichtlicher Vorsatzlinse in den Fokus der Philosophie zu rücken, verspielt sie ihr satirisch angedichtetes Renommee im Handumdrehen. Nicht zufällig und womöglich ein wenig vorschnell entsteht der Eindruck, es handle sich bei dem kleinen Störenfried um ein Menschheitsärgernis. Aber seien wir ehrlich: War und ist nicht Sokrates auch eines?
Literarisch lässt sich die Fliege, verfahrensmäßig ihrem Facettenauge vergleichbar, aus unterschiedlichsten Blickwinkeln anvisieren. Sie schwirrt in der Metaphysik umher, taucht in der Weltgeschichte auf, macht in der Genetik Karriere und setzt in der Kunst Akzente. Vor allem jedoch konfrontiert das Insekt den Menschen, dem es auf der Nase herumtanzt, durch seinen schnellen Tod mit der eigenen Flüchtigkeit ‒ über deren Vorzüge zu sinnieren, in einem »Fliegenpapier« erlaubt sei, das den Ausweg aus dem »Fliegenglas« zu weisen gar nicht erst beansprucht.

