Beschreibung
Erregendes Moment für Dantes Commedia war der Sündenfall; er hatte das Menschengeschlecht unglücklich gemacht. Es reagierte darauf mit dem großen kulturgeschichtlichen Projekt einer Rückkehr ins verlorene Paradies. Diese große Frage war, wie es wieder zu erlangen wäre, zumal es einen Durchgang durch den Tod voraussetzt. D. h. das Leben hier und jetzt müsste auf seine vitalen Ansprüche verzichten, um das Jenseits als das Wahre anzunehmen. Glück ist für Dante deshalb ein Problem der – sprachlichen – Vermittlung. Er geht darauf einerseits mit einer harschen Diskursschelte an Theologie und Religionsausübung ein: ihr Wort verfehle die Vielen, die das Evangelium meint. Dem setzt er einen provokativen Sprachübergang entgegen: Dichtung, »poesia«, kennt einen authentischeren Weg zu diesem Glück, weil sie sich an das Empfindungs-, nicht an das Verstandesvermögen wendet. Dieses vermag auf intuitive Weise zu beurteilen, was für uns gut ist und was nicht. Sein Maßstab ist das Lustprinzip: piacere bildet daher auch den Kern von Dantes Appellstruktur. Melodisch, metaphorisch, rhythmisch steigert er seine Sprache zum ›Gesang‹, der Lust auf das »sommo piacer« jenseits des Grabes macht. Die eigentliche, eher verdeckte Pointe seiner ästhetischen Erkenntnis aber besteht darin, dass schon die menschliche Natur von sich aus, obwohl dunkel, zum Glück disponiert ist. Wird sie deshalb poetisch angesprochen, vermag sie sich bereits im Diesseits ethisch zu wandeln und immerhin für ein ›bene vivendi‹ einzustehen.

