Beschreibung
Kann die scheinbar nebensächliche Figur der Schwester zum Schlüssel für das Verhältnis von Literatur und Politik werden? Diese Studie zeigt: Ja. Sie rückt literarische Schwesterfiguren ins Zentrum und untersucht, wie sie zur Projektionsfläche brüderlicher Fantasien werden. Von Hegels Antigone-Lektüre und Goethes Iphigenie über Stifters reine Schwesterfiguren bis hin zu Thomas Bernhard erscheint die Schwester als Prototyp imaginierter Weiblichkeit – als Medium einer Utopie, die das Politische ästhetisch zu überwinden sucht und dabei zur statischen Idylle gerät
Am Beispiel von Bernhards Korrektur wird sichtbar, wie eng diese apolitische Utopie der ›Schwesterlichkeit‹ mit einer bürgerlichen Genieästhetik verflochten ist. Die Analyse der Rezeptionsgeschichte macht zudem deutlich, dass gerade aus der Perspektive der Schwester die impliziten Politiken literaturwissenschaftlicher Lektüren sichtbar werden.
Durch die Verbindung von Close Readings mit dekonstruktiven und gendertheoretischen Ansätzen eröffnet die Studie damit nicht nur neue Perspektiven auf kanonische Texte der deutschsprachigen Literaturgeschichte, sondern regt auch zu einer kritischen Reflexion auf die Vorannahmen der wissenschaftlichen Lektürepraxen an.

