Alexander Eilers ist promovierter Literaturwissenschaftler, Herausgeber, Anthologist sowie Übersetzer. Er hat 15 Jahre als Dozent an der Justus-Liebig-Universität Gießen gearbeitet und ist nun Englisch- und Philosophielehrer. Sein Interesse gilt sowohl der neuzeitlichen Mentalitätsgeschichte als auch dem Aphorismus. Sein Werk wurde verschiedentlich ausgezeichnet, etwa beim Wettbewerb des Fördervereins des Deutschen Aphorismus-Archivs oder beim Premio Internazionale per l’Aforisma.
Elisabeth Turvold wurde 1963 in Sarpsborg in Norwegen geboren und lebt seit 1965 in Deutschland. Sie studierte Geschichte, Kunstgeschichte und englischen Philologie und ist Mitarbeiterin beim Förderverein der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Gießen.
In der Anthologie Trollhaufen kontrastieren Alexander Eilers und Elisabeth Turvold die romantisierende Außenperspektive auf das Land im hohen Norden mit seiner jungen, aber reichhaltigen Aphorismus-Tradition. Diese Ent-Romantisierung zeichnet ein ambivalentes, aber nicht weniger magisches Bild von Norwegens Literaturlandschaft.
Im Interview erklären Sie uns mehr über norwegische Aphoristiker*innen, methodische Herausforderungen bei der Übersetzung und die Einbettung des Genres in der nordischen Literaturlandschaft.
K&N: In Ihrer Einführung sprechen Sie von einer „jungen, aber sehr lebendigen Denkspruchtradition“ in Norwegen. Was macht diese Tradition aus und was unterscheidet sie von anderen Aphorismus-Traditionen, wie zum Beispiel der deutschen oder der französischen?
Eilers: Obwohl die skandinavische Spruchdichtung bereits im Mittelalter unter kontinentalem Einfluss stand, hat die Aphoristik Norwegens eine eigenständige, von anderen europäischen Nationalliteraturen weitgehend unabhängige Entwicklung durchgemacht. Ausschlaggebend hierfür war sowohl die geografische Randlage des erst 1905 gegründeten Staates als auch die jahrhundertlange dänisch-schwedische Fremdherrschaft im eigenen Lande, was die Rezeption der französischen Moralistik und ihres nordischen Ablegers, der Stockholmer Salonphilosophie, unterband. Zudem sorgte das Streben nach politischer Souveränität für eine einseitige Fokussierung auf die überlieferte Skaldik, weshalb auswärtige Impulse keinerlei Resonanz fanden. Mit der Etablierung des Riksmål als Schriftstandard blieben die kulturellen Verbindungen zum ehemaligen Mutterland Dänemark zwar erhalten, doch verstärkte die Schaffung einer zweiten Verkehrssprache, des aus westlichen Mundarten gebildeten Nynorsk, die nationale Abgrenzung. Entsprechend musste sich der norwegische Aphorismus auf anderem Wege Bahn brechen, wobei vier sehr unterschiedliche Pioniergestalten herausstechen: erstens der auf Nynorsk schreibende Naturalist Arne Garborg, der in seinem Erzählwerk Trætte Mænd (1891) dem an Weltekel erkrankten Protagonisten Gabriel Gram bruchstückhafte Reflexionen über Liebe, Frauen, Wissenschaft, Religion oder Kunst in den Mund legt; zweitens der (prä-)modernistische Dichter Olaf Bull, ein nach neuen lyrischen Ausdrucksformen suchender ‚Aphoristiker wider Willen‘; drittens der Poesie und Wissenschaft synthetisierende Verhaltensforscher Thorleif Schjelderup-Ebbe sowie viertens der konservativ-religiöse Schriftsteller Kristofer Uppdal, der in seiner dialektal geprägten Sammlung Jotunbrunnen (1925) aus dem reichen Schatz des ländlichen Sprichwortgutes schöpft. Nimmt man dann noch die im Widerstand gegen die deutsche Okkupation involvierten Arnulf Øverland und Aksel Sandemose hinzu, wird klar, dass sich der spät auftretende Sinnspruch des Landes diversen Quellen verdankt.
K&N: Warum haben Sie sich für eine zweisprachige Ausgabe entschieden? Welche Herausforderungen gab es bei der Übersetzung der norwegischen Aphorismen ins Deutsche? Gab es bestimmte Aphorismen, bei denen die Übersetzung besonders anspruchsvoll war?
Turvold: Die Gründe für die Entscheidung, eine zweisprachige Ausgabe zu konzipieren, waren Transparenz und Authentizität. Ja, es gab Aphorismen, bei denen die Übersetzung besonders anspruchsvoll war. Das gilt für die vom heutigen Sprachgebrauch stark abweichenden älteren Sinnsprüche, beispielsweise von Arne Garborg, sowie für Nynorsk-Aphorismen, wie sie unter anderem bei Kristofer Uppdal und – mit Abstrichen – bei Arnljot Eggen zu finden sind. Hinzu kommt, dass in Norwegen im Laufe der Zeit einige Rechtschreibreformen durchgeführt wurden, so dass man bei der orthografischen Wiedergabe der Originaltexte sehr konzentriert sein musste. Aphorismen aus Lappland lagen abgesehen von einer bereits ins Deutsche übersetzten Sprichwortsammlung aus dem späten 19. Jahrhundert nicht vor. Zudem bin ich des Samischen mit seinen regionalen Varietäten nicht mächtig.
K&N: Haben Sie das Gefühl, dass die Aphorismen in der Übersetzung ihren ursprünglichen Charakter beibehalten konnten? Welche Techniken haben Sie angewandt, um die sprachliche und kulturelle Eigenheit der norwegischen Aphorismen in der deutschen Ausgabe zu bewahren?
Turvold: Ich glaube, dass es in der Regel gelungen ist, eine adäquate Übersetzung für die Aphorismen und ihre Metaphorik zu finden. Das Deutsche erforderte allerdings längere Sätze, um den Inhalt der norwegischen Originale zu transportieren. Das Norwegische ist wie das Englische eine knappere, zur Verdichtung neigende Sprache. Einen Satz gab es, der aufgrund seiner grammatischen Konstruktion nahezu unübertragbar schien; er stammt von Cindy Haug. Als kleinster gemeinsamer Nenner bei der Übersetzung kam heraus: „Woran ich energisch gearbeitet habe, um es herauszufinden, daran arbeite ich jetzt energisch, damit mein Sohn es nicht herausfindet.“
K&N: In Ihrem Werk sind unter den 38 Aphoristikern nur vier Autorinnen. Was könnten Ihrer Meinung nach die Gründe für diese ungleiche Verteilung im norwegischen Kontext sein? Gibt es einen spezifischen weiblichen Zugang zu Aphorismen, der sich von männlichen Autoren unterscheidet? Wenn ja, wie lässt sich dieser Unterschied in den Texten finden, die Sie ausgewählt haben?
Turvold: Es gibt nach meinem Urteil keinen typisch weiblichen oder männlichen Aphorismus, auch keinen spezifisch weiblichen Zugang. Was aber deutlich aus den Recherchen hervorgeht, ist, dass Aphoristikerinnen in Norwegen weniger als 15% der Gattungsvertreter ausmachen.
Eilers: Das stimmt, stellt allerdings keine nationale Besonderheit dar. Wie ähnlich gelagerte Anthologieprojekte der letzten Jahre zeigen, ist der Anteil weiblicher Genrerepräsentanten auch in Finnland (2016: 20,5%) oder Italien (2025: 15,2 %) kaum höher, wenn nicht sogar – etwa in Deutschland (2010: 5,7%; 2014: 6,9%; 2019: 8,3%; 2020: 4,3%) – wesentlich geringer. Die im Hohen Norden großgeschriebene Frauenförderung übt jedenfalls keine offenkundige Wirkung auf die Produktion von Merk- und Leitsätzen aus. Über die Gründe hierfür kann lediglich spekuliert werden.
Turvold: Im Falle des Trollhaufens verhält es sich im Übrigen so, dass wir auf den Abdruck von zwei Aphoristikerinnen, die wir gerne aufgenommen hätten, verzichten mussten, weil keine Einigung mit den Rechtsnachfolgern bzw. mit dem Verlag zustande kam.
K&N: In Ihrem Werk sind sowohl klassische als auch moderne Aphorismen vertreten. Welche Entwicklungen oder Veränderungen haben Sie in der norwegischen Autorenschaft über die Jahre hinweg beobachten können?
Eilers: Bemerkenswert ist, dass sich der norwegische Sinnspruch nicht wie im deutschsprachigen Raum zunehmend der Lyrik annähert, sondern immer wieder neu aus ihr geboren wird, was schon die hohe Anzahl der hauptsächlich Gedichte schreibenden Urheber verdeutlicht. Ein enger Bezug zum Modernismus, insbesondere zum poetischen Minimalismus, hat dabei vor allem formale Neuerungen gebracht. Weiterhin ist eine große Nähe zur Bildenden Kunst zu konstatieren, in der ästhetische Überlegungen schon immer in kurzen, thesenartigen Notizen festgehalten wurden. Was jedoch norwegische Doppelbegabungen wie Per Roald oder Stein Mehren unverwechselbar macht, ist ihre ausgeprägte Bildlichkeit. Daneben kann man bei Jan Thowsen, Håkon Bleken oder Odd Nerdrum den Versuch erkennen, den Gedankensplitter zum kulturkritischen Medium par excellence zu erheben. Den Schritt zum bimedialen Aphorismus, wie er in ganz Skandinavien verbreitet ist, hat hingegen der Karikaturist Fredrik Stabel vollzogen
K&N: Was ist für Sie das Besondere am Aphorismus? Was macht ihn als Gattung so geeignet für die nordische Denkweise?
Turvold: Der Aphorismus ist stiloffen und dennoch präzise. Ich halte Originalität, Weisheit und Witz bei relativer Kürze für die Stärken des Aphorismus. Die „norwegische Denkweise“ musste sich den Aphorismus erst ‚erobern‘. Melancholie auf der einen Seite, Humor auf der anderen Seite stecken die Eckpunkte des norwegischen Aphorismus vielleicht am besten ab. Er ist womöglich auch politischer bzw. gesellschaftskritischer als der tendenziell philosophische deutsche Aphorismus.
K&N: Welche Aphorismen oder Autoren würden Sie empfehlen, wenn Sie die Sammlung einem Leser vorstellen würden, der sich zum ersten Mal mit der norwegischen Aphorismus-Tradition beschäftigt?
Turvold: Ich würde zunächst die Aphorismen von Per Roald empfehlen.
Eilers: Dem kann ich nur beipflichten.
K&N: Was ist Ihre persönliche Lieblingspassage oder Ihr Lieblingsaphorismus aus der Sammlung und warum?
Turvold: Ich favorisiere die nachfolgenden Aphorismen wegen ihrer sprachlichen, bildhaften und/oder inhaltlichen Raffinesse:
- „Wir sind alle zusammengerollte Meisterwerke, mit der leeren Seite nach außen.“ (Olaf Bull)
- „Wenn zehn Personen das Eigentumsrecht an einem Olivenbaum beanspruchen, wird es dort keine Oliven geben.“ (Marion Berntzen Koksvik)
- „Humor, der nach unten tritt, ist die Spitze am Stiefel des Faschismus.“ (Hauk)
Eilers: Mir haben es die zivilisationskritischen Beiträge aus dem Hohen Norden angetan, weil sie komplexe Gedankengänge in wenigen Worten präzise festhalten:
- „Unsere Geschichte liegt wie ein Atlantis unter einem Meer von Blut.“ (Aasmund Brynildsen)
- „Die Avantgarde der Zeit ist diejenige, die zuletzt sieht, wenn die Zeit kehrmacht.“ (Per Roald)
- „Die Technik wird immer notwendiger, wo sie die Fähigkeiten ersetzen muss, die sie schwächt.“ (Jan Thowsen)
K&N: Inwiefern glauben Sie, dass die Aphorismen den deutschen LeserInnen eine neue Perspektive auf norwegische Literatur und Kultur bieten können? Gibt es spezielle kulturelle oder sprachliche Eigenheiten, die in den Aphorismen erkennbar werden?
Turvold: Die deutschen Leserinnen und Leser werden die Direktheit des norwegischen Aphorismus und dessen häufig hintergründigen Humor schätzen lernen.
Eilers: Das thematische Spektrum der norwegischen Aphoristik ist groß. Es reicht von der Aufarbeitung der Besatzungszeit über die Entstehung des Wohlfahrtstaates bis zum literarisch-künstlerischen Aufbruch in die Moderne. Dass im Rahmen dessen immer wieder überlieferte Motive aufgegriffen werden, ist eine Besonderheit der einheimischen Spruchdichtung. Schließlich bietet die Unwirtlichkeit der von frostigen Wintermonaten geprägten Landschaft mit ihren Fjells, Fjorden, Wäldern, Seen oder Schären ein reiches Metaphern-Reservoir, um innere Befindlichkeiten zum Ausdruck zu bringen. Doch gehört auch die Symbolik des boshaften Trolls zum Grundbestand aphoristischer Seelenkunde. Scheinheiligkeit, Doppelmoral sowie Nationalstolz, wie sie in norwegischen Klassikern des späten 19. Jahrhunderts zur Disposition stehen, sind den meisten Denkspruchverfassern ein fortdauerndes Ärgernis. Außerdem setzen sie sich – ob affirmativ oder negierend – mit dem Glauben auseinander, wobei die Klage über die ungebremste Säkularisierung allmählich einem schulterzuckenden Agnostizismus weicht. Darüber hinaus macht sich speziell in linken Kreisen eine ernsthafte Sorge um das Gemeinwohl breit. Denn spätestens seit dem Attentat von Utøya im Jahr 2011 ist die traditionell um Ausgleich und sozialen Frieden bemühte Bevölkerung tief verunsichert.
K&N: Wie sehen Sie die Zukunft der norwegischen Aphoristik? Gibt es neue Tendenzen oder Entwicklungen, die Sie spannend finden und die vielleicht das nächste Kapitel dieser Tradition prägen könnten?
Eilers: Was die Zukunft bringt, ist schwer zu sagen – vor allem angesichts der Digitalisierung, die anspruchsvolle, auf gedankliche Mitarbeit angewiesene Literaturgattungen wie die Reflexionsscherbe wenn schon nicht in ihrer Existenz, so doch in ihrer Substanz bedroht. Gleichwohl scheint sich eine irreversible Abkehr von der postmodernen Spielästhetik abzuzeichnen. Die Welt ist aufgrund der multiplen Krise zu ernst für Ironie und Unverbindlichkeit geworden. Hier bietet der melancholisch-skeptische Ansatz aus Norwegen vielfältige Anschlussmöglichkeiten.
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