In seinem monumentalen Werk „Bin ich Mörder”? (erschienen bei Königshausen & Neumann) unternimmt der ehemalige Chefarzt der Forensik Köln-Porz Herbert Meurer eine transdisziplinäre Tiefenanalyse eines der berühmtesten Kriminalfälle der deutschen Geschichte und Literatur. Er untersucht die historische Figur des J.C. Woyzeck, der 1821 seine Geliebte erstach, unter modernen und historischen psychiatrischen Gesichtspunkten. Dabei werden nicht nur die historischen Gutachten (etwa von Clarus) seziert, sondern auch die literarische Verarbeitung durch Georg Büchner und die musikalische Adaption durch Alban Berg (Oper Wozzeck) einbezogen. Das Buch schlägt Brücken zwischen Forensik, Rechtswissenschaft, Musiktheorie, Philosophie und Literaturwissenschaft. Es ist gleichzeitig ein Lehrbuch der Psychopathologie und eine Reflexion über den freien Willen und die menschliche Seele.
Das Buch ähnelt im Grunde einer Habilitationsschrift von ca. 700 Seiten. Wenn man ein einziges Buch auswählen müsste, um es auf eine einsame Insel mitnehmen, dann würde ich zweifellos dieses wählen, aufgrund seiner brillanten Vielschichtigkeit. Es handelt sich um ein gelehrtes Meisterwerk von unglaublicher Gründlichkeit.
Der Autor war lange Jahre lang Chefarzt einer forensischen Einrichtung, wo bekanntlich untypisch für den Ärztestand allenthalben juristische Sachverhalte und Betrachtungen den Alltag durchziehen und wo jederzeit ein hohes Maß an gutachterlichen Kenntnissen und präzises, scharfsinniges Denken gefordert ist.
Schließlich geht es hier meist darum, ob Patienten auf unabsehbare Zeit eingesperrt bleiben oder aus Verhältnismäßigkeits- oder anderen Gründen freigesetzt werden können. Oberflächlichkeit der Betrachtung kann man sich hier nicht erlauben. Und so ist dieses Buch von hoher Gründlichkeit gekennzeichnet. Das Buch dürfte für den Durchschnittsbürger als Lektüre nur schwerlich geeignet sein. Es ist durchzogen von aufschlussreichen Auf- und Zusammenstellungen jeder Art, Lebensläufen, Chroniken, Synopses, erhellenden Grafiken jeder Art, sogar zahlreiche Notenbeispiele findet man und das Titelbild ziert ein Werk von Neo Rauch. Nur kunst-, literatur- und musikbeflissene Leser von guter humanistischer Bildung und mit medizinischen Grundverständnis werden das Buch begreifen können. Begriffe werden erläutert, abgewogen und Zusammenhänge klargemacht. Es bewegt sich durchgehend an der Demarkationslinie zwischen Forensik, Kunst, Rechts-, Geschichts-, Musikwissenschaft und nicht zuletzt der Philosophie (siehe Thema freier Wille).
Das Buch erinnert mich an das Buch „Gödel, Escher, Bach“ von Douglas Hofstadter, welches ich in der Jugendzeit nicht aus der Hand legen konnte, wegen seiner Gelehrtheit und den vielfältigen Querbezügen. So wie man über die Meisterhaftigkeit der Konstruktion einer Bachschen Fuge nur den Kopf schütteln kann vor Bewunderung, so wird man auch hier nicht umhin können, begeistert und angeregt in das von Meurer aufgespannte Universum einzutauchen und darin willig zu baden.
Alte Gutachten der Zeit werden zitiert und seziert. Natürlich muss man den Leser in die t iefsten Untiefen der psychiatrischen Krankheitslehre entführen mit all ihren Verästelungen und Feinheiten, will man zu einem klaren Urteil in der Frage kommen, und diese Herausforderung nimmt das Buch gerne an.
Wer das Buch als psychiatrischer Assistenzarzt gewissenhaft liest, wird unzweifelhaft unglaublich viel lernen über forensische Wissenschaft und wie diese versucht, dem Täter, dem Opfer und dem Tatgeschehen gerecht zu werden; er wird die Strukturen der Beurteilung eines Verbrechens vielleicht erstmals verstehen, weil diese Beurteilungszusammenhänge in glänzender Weise luzide gemacht werden. Man lernt viel über allgemeine und spezielle Psychopathologie.
Es ist ein interessantes Werk, was allerdings auch Angst macht. Werde ich dem Buch gewachsen sein, wenn ich darin beginne zu lesen? Die Antwort dürfte meistens nein sein. Wenn man sich aber durchdringt, es zu lesen, wird man geläutert, beseelt und um Einiges reicher sein, das steht außer Frage. Aber auch die historischen Zusammenhänge, die viele Einblicke in die Lebensumstände der Zeit geben, sind spannend und werden lebendig gemacht. Glaubt man, es handele sich vorrangig um ein forensisches Buch, stellt man plötzlich fest, dass man auch in der literaturwissenschaftlichen Abteilung gelandet ist durch Analyse von Büchners entsprechendem Werk, tiefer Einstieg in die Dramentheorie inklusive, immer vor dem Hintergrund psychopathologischer Betrachtungen; auch die Musik Alban Bergs wird einbezogen.
Spezialthemen der Forensik, wie die Betrachtung des Intimizids, kommen nicht zu kurz. Alles wird durchzogen von vergleichenden, die verschiedenen Wissenschaftsgebiete durchlässig werdenden Betrachtungen. Insbesondere für psychiatrisch tätige Ärzte, Psychologinnen und Psychologen, aber auch für jeden interessierten Arzt dürfte das Buch geeignet sein und diese in ihrem Verständnis psychischer Erkrankungen erheblich weiterbringen (sofern sie im klinischen Alltag Zeit zur Lektüre finden). Gestreift werden auch thematisch die Mindestanforderungen für Schuldfähigkeitsgutachten, Themen wie Persönlichkeitsstörungen und Persönlichkeitspsychologie (Big-Five-Modell etc.).
Aber auch Kunst- und geschichtlich Interessierte werden das Buch mit Gewinn lesen. Es wimmelt nur so von gründlichen juristischen Subsumtionen. Ich schäme mich schließlich, weil meine oberflächliche und leicht redundanten Analyse dem Werk in keiner Weise gerecht wird und ich zweifellos zahlreiche Aspekte des Buches zu kurz kommen ließ. Das Buch hat sicherlich Preise verdient, und ich bin ganz sicher, dass es zahllose Preise gewinnen wird, weil es verschiedene Gebiete in einzigartiger Weise verbindet; wenn die DGPPN ein Buch auszeichnen sollte, dann bitte dieses.
– Rezension von Dr. med. Thorsten Heedt
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