Jorge Uscatescu Barrón studierte Philosophie in Madrid und kam dann als für einen Forschungsaufenthalt zu einem Studium der Philosophie, Altphilologie und Romanistik nach Freiburg (1986–1991). An derselben Universität promovierte er 1991 und studierte zudem Indologie. Er habilitierte ebenfalls in Freiburg im Jahr 2012 und ist seitdem Dozent an der philosophischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg.
Wir haben mir mit über die Seinslehre in den Upaniṣaden gesprochen, die er in seinem Buch eingehend untersucht hat.
K&N: Was hat Sie dazu motiviert, sich gerade mit der Chāndogya-Upaniṣad und Ihrer Seinslehre auseinanderzusetzen? Was macht diesen Text so besonders?
Uscatescu: Als ich vor vielen Jahren den Sanskrit-Text in einem indologischen Seminar las, war ich vom Text sofort fasziniert. Die in einer wunderbaren Sprache wie Sanskrit – genauer gesagt im Vedischen – gebildeten kurzen, gehaltsvollen, doch geheimnisvollen Sätze und Gedanken, die auf dem ersten Blick nicht einleuchten wollten, haben mich in ihren Bann gezogen. Zudem riefen diese Gedanken in mir sofort die Erinnerung an den Anfang der abendländischen Philosophie bei Parmenides wach, der insbesondere die Selbigkeit von Denken und Sein aussprach und ähnlich wie bei Uddālaka nur das Sein zulassen wollte.
Chāndogya-Upaniṣad 6 ist ein relativ kurzer Text, der für die indische Geistesgeschichte nie hoch genug zu überschätzen ist. In diesem Kapitel der in 8 Kapiteln eingeteilten Chāndogya-Upaniṣad wird nicht nur teilweise eine durchgehende Kausalerklärung des Ganzen des Seienden ausgehend vom Seienden als Urgrund teilweise entfaltet, sondern auch eine neue Konzeption der Befreiung des menschlichen Selbst aus der unendlichen Kette von Tod und Wiedergeburten verkündet. Im berühmten Spruch tat tvam asi („Du bist das“), verdichtet sich diese neue Konzeption, die in dem Gedanken zusammengefasst werden kann, dass das Selbst (ātman) im Seienden (sat) besteht. Die Befreiung besteht nicht immer im Vollzug der Opferriten, die dem Menschen die Unsterblichkeit oder der Befreiung aus dem saṃsāra verschaffen sollen, sondern vielmehr in der Erkenntnis, dass das Selbst im Seienden besteht.
K&N: Welcher Aspekt ist für Sie an diesem Thema am interessantesten? Welche spannenden Neuentdeckungen haben Sie während Ihrer Recherche feststellen können?
Uscatescu: Das Interessante an dem Text ist das Zusammengehen von religiösem Denken und einem anfänglich philosophischen Ansatz. Die Opferspekulationen, von denen die ältesten literarischen Denkmäler der indischen Geistesgeschichte wimmeln, weichen einer neuartigen Opfertheorie, die den Schwerpunkt des Opferwesens nicht so sehr im richtigen Vollzug der Riten und Opferhandlungen, sondern im Erwerb des Wissens um den Aufbau des Ganzen des Seienden sieht.
In meinem Buch habe ich eine neue gesamte Interpretation des Textes in seiner Ganzheit und im Zusammenhang mit anderen upaniṣadischen Schriften vorgenommen. Da eine Interpretation dieser Texte ohne die vorhergehenden Texte wie der Ṛigveda oder die Śatapatha-brahmaṇa nicht möglich war, habe ich diese und anderen Schriften herangezogen, nicht nur um den Kontext wiedererstehen zu lassen, sondern um die Entwicklung von den Gedanken des Uddālaka, dem dieser Text zugewiesen wird, im Ausgang von den älteren Schriften der vedischen Religion zu verfolgen. Im Unterschied zu den Vorsokratikern, die am Anfang von etwas Neuem stehen, stehen die upaniṣadischen Weisen am Schluss der Entwicklung der vedischen Religion oder Opferspekulation. Der geheimnisvolle Klang ist auch der Tatsache geschuldet, dass diese Schriften auf den breiten Schultern einer sehr langen Tradition stehen und demnach Vieles voraussetzen.
Außerdem positioniert sich meine Interpretation gegen eine immer noch sehr verbreitete Interpretationslinie, die ursprünglich in Indien verankert ist, aber auch von den ersten und nicht so früheren Indologen geteilt wird. Während diese den Hauptgedanken der upaniṣadischen in dem Monismus erkennen wollen, demzufolge das Selbst nichts anderes als der Urgrund oder brahman ist, interpretiere ich den berühmten indischen Spruch tat tvam asi im Sinne einer Kausalerklärung: „Du besteht im Seienden“. Der feine Unterschied zwischen meiner Interpretation und der monistischen wird im vorliegenden Buch herausgearbeitet. Darin liegt das Neue. Der Begriff des „Seins“ in den Upanisaden scheint eine ganz andere Dimension zu haben als in der westlichen Philosophie.
K&N: Können Sie erklären, wie der „Seinsbegriff“ in den Upanisaden behandelt wird und warum er für die indische Philosophie so zentral ist?
Uscatescu: Sein, Sanskrit sat, wird als der Urgrund verstanden, aus dem alle Seienden (bhūtani) hervorgegangen sind. Uddālaka setzt sat anstelle des brahman als Urgrund. Diese Lehre steht wohl in der upaniṣadischen Literatur isoliert.
K&N: Wie lässt sich die Seinslehre der älteren Upanisaden in einen größeren philosophischen Kontext einordnen – sowohl in der indischen Geistesgeschichte als auch im Vergleich zu westlichen Philosophien? Gibt es Parallelen zwischen den Lehren der Upaniṣaden zu aktuellen philosophischen, religiösen oder spirituellen Strömungen?
Uscatescu: Die umfangreichste Sammlung enthält 108 Upaniṣaden. Sie wurden zwischen dem 7. Jahrhundert v. Chr. und dem 16 Jahrhundert n. Chr. verfasst. Im Laufe der Jahrhunderte wurden den älteren Upaniṣaden neu verfasste Upanisaden hinzugefügt, die nicht mehr dem Geist der altvedischen Religion oder den mit dieser verbundenen opferkundigen Spekulationen entsprungen sind, sondern im Geist der danach entstandenen philosophischen Schulen oder der theistischen Bewegungen wie Viśnuismus und Śivaismus verfasst worden sind.
Literarisch gesehen bilden die Upaniṣaden auch keine einheitlichen Texte im Sinne von Abhandlungen, in denen eine mens auctoris erkennbar wäre, ihre eigenständigen Bestandteile besitzen jedoch eine thematisch bedingte Einheit. Allerdings ist der Inhalt der älteren Upaniṣaden so bunt, dass sie keineswegs als philosophisch schlechthin bezeichnet werden dürfen. In ihnen gibt es Platz für die Interpretationen symbolischen Charakters von den Ritualen und den vedischen Melodien, die die Texte der Gesänge begleiten und gestalten. Darin zeigt sich, wie fließend die Grenzen zwischen den älteren Textgattungen (Saṃhitas und Brahmaṇas) und den Upaniṣaden sind. Außerdem bestehen Berichte über die Schöpfung im Stil des Ṛg-Veda, in denen das alte Denken fortlebt, während gleichzeitig einige Berichte über die Schöpfung, wie wir sehen werden, eine Umwandlung erfahren und gleichsam ins Philosophische übergehen. Neben diesen Texten stehen andere Texte und Passagen, die durchaus als philosophisch zu bestimmen sind, in denen der Mensch im Mittelpunkt steht. Die Texte, die das Selbst des Menschen zum Gegenstand haben, verbinden dieses mit der Welt und führen zu den Spekulationen über die Identität von brahman und ātman. Außerdem sind in den Upaniṣaden theistische Texte zu finden, insbesondere in den jüngeren, in denen eine Gottheit im Zentrum steht. Moralische Belehrungen oder Kritik an Verhaltensweisen begegnen auch in diesen Texten, die der Ethik zuzurechnen sind, die aber eine kosmologische Bedeutung haben.
Das upaniṣadische Denken entwickelte sich unabhängig von der griechischen Philosophie, die sich erst nach Alexanders Indienfeldzug in Indien bekannt machen konnte, wie die Berichte über Pyrrhon den Skeptiker und seine Indienfahrt belegen. Die upaniṣadischen Lehren sind im indischen Kulturkreis und darüber hinaus immer noch lebendig, sie nehmen aber Formen der späteren Entwicklungen des indischen Denkens an.
In meiner Arbeit habe ich gerade versucht, die upaniṣadischen Gedanken in ihrer Ursprünglichkeit im Horizont der vedischen und brahmanischen Weltansicht zu interpretieren. Dies mutet natürlich denjenigen befremdend an, die mit den in Indien geläufigen Deutungen vertraut sind.
K&N: Inwieweit glauben Sie, dass sich die philosophischen Konzepte des „Seins“ und des „Selbst“ auch auf die Lebenspraxis eines modernen Menschen anwenden lassen, der nicht in einem traditionellen religiösen oder spirituellen Kontext lebt?
Uscatescu: Philosophie hilft dem Menschen auch über alltägliche Angelegenheiten zu denken, und überhaupt den Alltag zu meistern. Begriffe wie Selbst und Sein muten einem zunächst zu abstrakt an, sie begegnen aber im Alltag. Der Philosoph kommt ihnen auf die Spur, indem er den Alltag selbst in Frage stellt. Selbst und Sein oder brahman stehen im Mittelpunkt der älteren Upaniṣaden. Das Selbst ist der Mensch, der in der Geburtenkette verstrickt ist. Die in den Upaniṣaden angebotene Erkenntnis bildet den Ausweg aus der menschlichen Kondition des Vertricktseins in der Welt. Das Sein wird als das, worin wir bestehen, verstanden. Feinheit ist sein Hauptmerkmal. In einer Ableitung des Ganzen aus dem Seienden wird das Verhältnis von uns zum Seienden erklärt.
K&N: Die Upaniṣaden sind bekannt für Ihre tiefgründige und abstrakte Sprache. Wie haben Sie versucht, dem Text und seine komplexen Ideen so zu vermitteln, dass auch Leser ohne spezialisierte Vorkenntnisse in indischer Philosophie Zugang finden können? Gab es bestimmte Übersetzungs- oder Interpretationsansätze, die Ihnen besonders geholfen haben?
Uscatescu: Wie üblich habe ich alle Texte in Übersetzung vorgestellt und interpretiert, so dass der Leser ohne Kenntnis des Sanskrits und der geistesgeschichtlichen Zusammenhänge folgen kann. Das Buch genügt auf der anderen Seite den Ansprüchen der Indologen, da der Sanskrit-Text vorgelegt und der Wortlaut sprachlich begründet wird (editio variorum). Außerdem sind besondere Kenntnisse der indischen Philosophie nicht erforderlich, die viel jünger ist. Alle erforderlichen Begriffe und Zusammenhänge aller Art werden im Text angemessen erläutert und hoffentlich einleuchtend dargestellt. Andererseits wird der fachkundliche Leser im Haupttext, aber vor allem in den Fußnoten, die genauere Ausführung des zu Interpretierenden mit verfolgen können.
Meine Übersetzung schmiegt sich dem Wortlaut an, bemüht sich aber zugleich um eine Allgemeinverständlichkeit. Natürlich habe ich den Urtext nebst der englischen Übersetzung in Olivelles Ausgabe, aber in erster Linie die deutsche Übertragung von Deussen und vor all die von Walter Slaje berücksichtigt. Slajes neue Übersetzung ist unter anderem deswegen zu empfehlen, weil sie aus Kenntnissen der neuesten Forschung über die vedische Welt beruht und sich nicht von den vedāntischen Interpretationen vereinnahmen lässt.
K&N: Welche persönlichen Entdeckungen oder Einsichten haben Sie bei der Auseinandersetzung mit der Chāndogya-Upaniṣad selbst gemacht? Gibt es Ideen oder Konzepte aus dem Text, die Ihr eigenes Denken verändert haben?
Uscatescu: Entgegen der vorherrschenden Meinung habe ich den perfekten Aufbau des Textes herausstellen können. Was auf den ersten Blick eine Aneinanderreihung von Sätzen, Sprüchen zu sein scheint, erweist sich letzten Endes als voll durchdachte Komposition. Kein Wort oder kein Satz ist zuviel, alles ist abgemessen.
Zwischen den verschiedenen Lehrern der Upaniṣaden entwickelte sich ein Dialog, deren perfekter Aufbau erst in einer eingehenderen Analyse der subtilen Anspielungen, kurzen Hinweisen, verschleierten Übernahmen von Metaphern oder Gedanken entdeckt werden kann. Die philosophische Interpretation ist einer literarischen Sichtweise gewichen, die der Interkontextualität nachgehen musste.
Mir wurde klar, dass diese Texte aus den Überlegungen zum Opferwesen („Opferspekulationen“) entstanden sind, sie aber in Gebiete vorstoßen, die nicht mehr dem Opferwesen und der vedischen Theologie zuzuordnen sind.
Mein eigenes Denken hat sich von dieser Denkweise inspirieren lassen. Mir ist nämlich noch klarer geworden, wie nahe die Philosophie der Religion steht. Das auf Erkenntnis ausgerichtete Opferwesen der vedischen Religion kann fast nahtlos in ein philosophisches Denken übergehen.
K&N: Könnten die Prinzipien der Chāndogya-Upaniṣad auch in Bereichen wie Ethik oder interkultureller Kommunikation einen Mehrwert bieten?
Uscatescu: Die Parallelen mit der vorsokratischen Philosophie, die aber jünger ist, sind jedoch offensichtlich. Ohne Zweifel kann man den Upaniṣaden auch etwas in Bezug auf die Ethik abgewinnen. Hoch interessant sind die upaniṣadischen Gedanken zur Selbsterkenntnis und zur Karmalehre, die erst in den ältesten Upaniṣaden entwickelt worden sind.
K&N: Für wen würden Sie Ihr Buch empfehlen? Welche Art von Lesern, auch außerhalb eines akademischen oder religiösen Kontextes, könnte besonders von Ihrer Interpretation der Chāndogya-Upaniṣad profitieren?
Uscatescu: Das Buch richtet sich auch an das Bildungspublikum, das Neugier für das Fremde mitbringt. Die Upaniṣaden, insbesondere die Chāndogya-Upaniṣad und Bṛhadaranyaka-Upaniṣad, die im Mittelpunkt des vorliegenden Buches stehen, gehören zu denjenigen literarischen Denkmälern der Menschheit, die von allen gelesen werden sollten. Die vorliegende Monographie versteht sich daher sowohl als eine Einladung zur Lektüre dieser Weisheitstexte als auch ein Kompass für den Umgang mit der upaniṣadischen Literatur.
K&N: Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der Forschung zu den Upanisaden? Gibt es neue Interpretationsansätze oder Fragen, die Sie in den kommenden Jahren für besonders relevant halten?
Uscatescu: Es gibt einzelne Untersuchungen zu einzelnen Upaniṣaden, sogar gelegentliche Monographie zu übergreifenden Themen in den Upaniṣaden, es fehlt aber immer noch eine Gesamtdarstellung der älteren Upaniṣaden, die diese Texte aus deren Ursprung im Opferwesen verständlich machen soll. Dies erfordert eine viel genauere Untersuchung der direkten vorupaniṣadischen Lehren, die in den Veden, Brahmaṇas, und Araṇyakas enthalten sind und die auf bekannte upaniṣadische Lehren vorausweisen. Deshalb scheint mir eine Gesamtinterpretation von den Hauptlehren der Upaniṣaden außerhalb der üblichen monistischen Deutungen ein Desiderat der Wissenschaft zu sein. Die kritische Edition einiger Texte sollte auf eine erste kritische Edition des corpus upaniṣadicum hinauslaufen. Ob dies in den nächsten Jahren stattfinden wird, kann ich nicht sagen.






