Volker Ladenthin war Gastprofessor in Kairo und Helwan (Ägypten) und von 1995 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2019 Professor für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn.
Werner Zillig lehrte Germanistische Linguistik an den Universitäten Münster und Innsbruck und zuletzt, bis zu seiner Pensionierung 2015, an der LMU in München.
In Ihrem am 24.09.2025 erschienenen Buch Die Zukunft des Buches beschäftigen sie sich mit der Frage, was das Buch so einmalig macht und was uns fehlen würde, wenn es gar keine Bücher mehr gäbe.
Wir haben mit den Autoren darüber gesprochen, welche Herausforderungen dem klassischen Buch aus Papier heutzutage gegenüberstehen und wie sie die Entwicklung gestalten würden, wenn sie könnten.
K&N: Was sind die gemeinsamen und die unterschiedlichen Positionen für Sie, wenn Sie auf die Ergebnisse Ihres Dialogs zur Zukunft des Buches zurückblicken?
Zillig: Ich sehe die Sache so: Gemeinsam ist uns, dass wir Bücher-Enthusiasten sind, Bücher-Aficionados haben wir das mal genannt. Dabei ist das ‚klassische Buch‘ und seine Umgebung gemeint. Das bedeutet: das Buch aus Papier, Hardcover oder Paperback. Das Buch, das man in Buchhandlungen spontan kauft oder gezielt bestellt.
Dann aber begannen die eigentlichen, die wirklich großen und einschneidenden Veränderungen. Es kam das Internet, dann das E-Book. Das Smartphone und das Tablet. Auf beiden konnte man auf einmal Bücher lesen. Das klassische Papierbuch gibt es immer noch, wird es wahrscheinlich immer weitergeben. Nur ist die Frage, mit welchem Anteil und mit welchem ›Status‹?
Hier sind aus meiner Sicht unsere Einschätzungen auseinandergegangen. Während mein Freund Volker Ladenthin das Papierbuch enthusiastisch für unverzichtbar und also für ewig erklärt hat, war ich da auf einmal sehr viel vorsichtiger. Mir ging es weniger um die Gegnerschaft des E-Books zum klassischen Papierbuch, ich habe die Gefahr eher aus der Ecke des ›Leseanteils in der freien Zeit‹ der Menschen gesehen. Und diese Gefahr sehe ich immer noch. Wer da nicht mit aufgewachsen ist, übersieht leicht, welch großen Anteil inzwischen die Spiele-Industrie hat, wie viel an Freizeit sie für ihre Produkte beansprucht. Wer EA Sports FC, Call of Duty oder Fortnite spielt, liest nicht.
Also – die Zukunft des Buches? Für mich wird das klassische Buch nicht untergehen, aber es wird ein Nischendasein führen.
Ladenthin: Die Skepsis meines Gegenübers war wie eine Stimulanz, ein schon verloren geglaubtes Rennen auf den letzten Metern doch noch zu gewinnen. Das Gemeinsame ist das, was keiner von uns sagt aber anspricht. Zur Zukunft des Buches? So, wie es Frittenbuden und unfassbar kreative Gourmet-Restaurants gibt, so wird es Fast-Leser und Buch-Leser geben, aber die Kultur wird sich bei den Gourmets entfalten. Der Verlust an Buchkultur zieht einen Verlust an Lese- und Sprachfähigkeit nach sich.
Der Verlust des Buches ist der Verlust des genauen Lesens… und damit des Sprechens und Denkens. Ich könnte abendfüllend Beispiele bringen: „Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee.“ – „Welche Größe?“ – „Die kleinstmögliche.“ – „Tut mir leid, wir haben nur mittlere und große Tassen.“ Man könnte zeigen, wie politische Entscheidungen auf falscher Lektüre von Texten beruhen. Das Lesen am Bildschirm ist, warum auch immer, kein Lesen mehr.
K&N: Was war für Sie der Ausgangspunkt, um dieses Buch zu schreiben? Gab es einen bestimmten Moment oder eine Frage, die das Projekt ins Leben gerufen hat?
Ladenthin: Als Hochschullehrer konnte ich in den letzten 15 Jahren einen stark zunehmenden Mangel an Lesefähigkeit bei Erstsemestern anhand von Klausuren statistisch nachweisen. Ich habe die Klausuren systematisch ausgewertet, für mich zuerst, weil ich dachte, man könne in Seminaren gegen diesen Trend steuern, wenn man erst die Ursache kennt. Als ich aufgeben wollte, entwarf unabhängig von meinen Beobachtungen mein Freund Werner Zillig die Frage nach der Zukunft des Buches. Das war ein Aha-Erlebnis. Denn nun bildete sich meine These, dass der Verfall der Lesefähigkeit mit dem Verfall der Buchkultur einhergehen könnte. Aber warum? Genau dies hoffte ich im Dialog mit einem Linguisten wie Werner Zillig herauszufinden. Und ich glaube, wir haben es herausgefunden.
Zillig: Ich stimme da natürlich zu, was den Ausgangspunkt angeht. Aber mich hat immer mal wieder interessiert, was es denn heute für Typen von Büchern gibt und was Lesen heute ausmacht. Und wohin die Welt der Bücher so treibt. Und ich komme da immer auf einen Aspekt, der mich über diesen Dialog hinaus interessiert.
Mir kommt es vor, als ob die Bücher in diese unbegreifliche gesellschaftliche Auseinandersetzung hineintreiben, die uns gegenwärtig umgibt. Ein Buch veröffentlicht zu haben, wird immer noch als ein Orden empfunden, den man sich anheftet. Aber der Sonderaspekt: Bücher wollen viele schreiben, aber die Privatbibliothek, die einmal der Stolz der Einzelnen und der Familien war, wird für viele zur papiernen Last.
K&N: Sie sprechen von der Unersetzlichkeit der Bücher. Welche Eigenschaften, denken Sie, machen das Buch unersetzlich? Ist es der physische Aspekt, der emotionale Wert oder etwas anderes? Gibt es Aspekte des gedruckten Buches, die nicht übertragbar sind?
Zillig: Ich habe, als ich noch Kurse zum wissenschaftlichen Schreiben gegeben habe, immer eine Dreiteilung des Lesens vorgeschlagen. Bei der sogenannten schönen Literatur gibt es das in Analogie: genussvolles, langsames Lesen, geübtes Durchlesen und das Überfliegen. Zur Ersteren gehören für mich nur jene Bücher, als Papierbücher, die ich langsam lese und mitunter zum dritten Mal lese. Ich habe in unserem Buch davon gesprochen, dass ich mir im Studium in Erlangen die gar nicht so billige Dünndruckausgabe von Adalbert Stifters „Nachsommer“ gekauft habe. Nur um anschließend festzustellen, dass das Buch seinem Ruf gerecht wird: Es ist unsäglich langweilig. Mit fünfundvierzig in Igls über Innsbruck habe ich genau dieses Buch mit größter Freude, staunend und sehr langsam durchgelesen.
Ladenthin: Das Unersetzliche am Buch ist seine gesamte Kultur. Ein Buch ist nicht nur ein Text. Zum Buch gehört der Weg zum Buch, die erste Idee, die Konkurrenz, das Manuskript, der Lektor, der Verlag, die Korrekturen, die Werbung …alles das fällt weg, wenn man im Netz publiziert. Übrig bleiben Sätze, von denen keiner weiß, wie sie entstanden sind, warum sie gelten und in welcher Beziehung sie zu anderen Sätzen stehen. Eine kulturlose Welt von beliebigen Texten.
K&N: Was passiert mit dem Konzept der Bibliothek, wenn gedruckte Bücher zunehmend verschwinden? Gibt es eine Zukunft für Bibliotheken als Zentren des Wissens, auch ohne physische Bücherregale? Oder gibt es noch spezifischere Funktionen von Bibliotheken, die einfach nicht digitalisiert werden können?
Ladenthin: Eine Bibliothek muss vorhalten, was derzeit nicht gefragt ist. In einer Bibliothek findet man, was man gar nicht gesucht hat. Wenn eine Bibliothek nur die Verbreitung der aktuellen Bücher anbietet, ist sie eigentlich überflüssig. Wie viele warten wie lange auf ein Exemplar des Bestsellers? Nach zwei Monaten ist der Hype um den Bestseller vorbei und der nächste Buchkasperl erscheint. Dafür braucht man keine Bibliotheken. Eine Bibliothek sollte die Rückfallebene sein, wenn man die Orientierung verloren hat. Das Netz, in das man fällt, wenn man den Anschluss an den Zeitgeist auf dem Trapez verpasst hat.
Zillig: Selbstverständlich gebe ich dir recht, wenn du sagst, dass nicht nur Universitätsbibliotheken, sondern auch Stadtbüchereien einen Auftrag haben, kaum gelesene Bücher vorzuhalten. Wenn eine Bibliothek nie aussortieren würde, wäre sie rechnerisch nach wenigen Jahren voll. Also bleibt dann doch wohl nur, dass Bücher als E-Books vorgehalten werden. Und da gibt es ja schon gute Ansätze.
K&N: Welche Rolle wird das Buch Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahrzehnten in der Gesellschaft spielen? Werden Bücher in einer digitalen Zukunft noch eine ähnliche Bedeutung haben wie heute?
Zillig: Die Freizeit der Menschen ist endlich und das Buch aus Papier, das genussvoll langsam gelesen wird – es wird in der Zahl abnehmen.
Ladenthin: Wir werden eine standardisierte Massenproduktion von vorhersehbaren Texten haben, traditionsvergessen, sprachvergessen und naiv. Mit viel Redundanz, weil keiner mehr kennt, was zuvor geschrieben wurde. KI wird die Redundanz extrem vervielfachen. Kurz: Wir werden uns aus der bedeutsamen Weltkultur in die Bedeutungs- und Belanglosigkeit verabschieden. Allerdings nicht ganz. Eine Minderheit wird sich weltweit am Buch freuen, wird sich austauschen.
K&N: Wenn Sie die Zukunft des Buches gestalten könnten, welche Änderungen würden Sie vornehmen? Was wünschen Sie sich für die nächsten Generationen von LeserInnen?
Zillig: Wir haben ja ziemlich ausführlich davon gesprochen, dass sich durch das Internet viele Veränderungen im „Freizeitverhalten“ der Menschen ergeben. Ich glaube, dass „das Buch“ sich dem früheren Zeitungslesen annähert: „Hab’ ich gelesen, kann weg.“ Aber eine Entwicklung wird es wahrscheinlich geben, etwas, das Volker Ladenthin in unserem Mail-Wechsel mehrfach angesprochen hat: Es wird einen Markt für teure bibliophile Ausgaben mit niedriger Stückzahl geben. Büchersammler werden als elitäre Minderheit zu Kunstsammlern. Wünsche ich mir das? Ja!
Ladenthin: Ich würde politisch alles so laufen lassen, wie es läuft. Es wäre unrealistisch anzunehmen, dass sich eine Gesellschaft durch die Reform der Buchkultur verändern ließe. Es ist umgekehrt: Eine Gesellschaft, sucht sich die Buchkultur, die zu ihr passt.
Ich wünsche mir auch keine bestimmten Leserinnen oder Leser. Ich wünsche mir gute Bücher und dass ich sie finde. Dass sie geschrieben werden, dessen bin ich mir sicher. Notfalls muss man es machen, wie das Schulmeisterlein Wutz.






