„Eigentlich wollt’ ich ja nur einen Aufsatz schreiben…“[1]
Im Alter von 86 Jahren starb am 19. Juni 2026 mit Lenz Prütting eine eigensinnige Kraft der deutschen Philosophie. Er intervenierte nicht als öffentlicher Intellektueller, nicht als Lehrstuhlinhaber oder Vertreter einer philosophischen Schule. Vielmehr schrieb er nach seinem Rückzug aus dem Berufsleben mit nahezu absoluter Gelehrsamkeit aus der Abgeschiedenheit seiner Schreibstube heraus. Zurückgezogen, unabhängig, ungebunden, aber auch – wie er selbst formulierte – in einer Form „intellektueller Einzelhaft“, entstand das Werk, mit dem sein Name dauerhaft verbunden bleiben wird: Homo ridens. Eine phänomenologische Studie über Wesen, Formen und Funktionen des Lachens.
Über elf Jahre hinweg, zwischen 2001 und 2012, verfasste Prütting auf seinem „Einödhof in der Holledau“ dieses monumentale, dreibändige Werk. Auf mehr als 2000 Seiten entwirft er nicht nur die umfangreichste philosophiegeschichtliche Untersuchung des Lachens, sondern verbindet diese zugleich mit einer systematischen phänomenologisch-anthropologischen Theorie des Menschen. Dieses Werk wird, wie die Rezensionen übereinstimmend feststellten, als Standardwerk philosophischer Lachforschung Bestand haben.
Doch das Lachen interessierte Prütting nicht nur als ein Untersuchungsgegenstand neben möglichen anderen. Es war für ihn die paradigmatische Szene einer menschlichen Grundsituation: der Erfahrung, dass der Mensch nicht vollständig Herr seiner selbst ist. Die Frage nach den Grenzen menschlicher Selbstbestimmung sollte sein gesamtes philosophisches Werk bestimmen.
Dass er dabei zu Positionen gelangte, die sich nur schwer in akademische Konventionen einordnen lassen, hat mit einer Eigenschaft zu tun, die seine Person wie sein Werk gleichermaßen prägte: seinem Eigensinn. Dieser ist nicht bloß eine biographische Charaktereigenschaft, sondern vielleicht die treffendste Kategorie, um auch Prüttings Denken zu verstehen, das um Verstörungs-Erlebnisse[2], Bedürftigkeit und Würde[3], verzehrende Affekte,[4] Selbstbestimmung und Selbstsorge kreist.[5] Für Autoren wie Alexander Kluge, Oskar Negt oder Alf Lüdtke bezeichnete Eigensinn die Fähigkeit, gegen normative Erwartungen eigene Erfahrungsräume, Deutungen und Bedürfnisse zu behaupten. Eben in diesem Sinne lässt sich auch Prüttings Denken als eigensinnig bezeichnen.
Prütting war kein Philosoph des Baukastengehorsams. Auch dort, wo er sich ausdrücklich in Traditionen und Denkbewegungen verortete, blieb seine Art des Denkens eigensinnig. Sein Werk erscheint daher als die Arbeit eines eigenwilligen Gelehrten, der aus unterschiedlichsten Lektüren, Erfahrungen und Überzeugungen eine eigene philosophische Welt zusammensetzte – getragen von unbändiger Leselust, beträchtlicher Überzeugungskraft und nicht selten auch von einer gewissen Lust an der Übertreibung. Was erwartet wurde, interessierte ihn wenig; was zum guten Ton gehörte, allenfalls insofern, als sich daran der Klang einer eigenen Stimme kontrastieren ließ.
Die Stimme Prüttings war unverwechselbar: kernig, indiskret, direkt und ohne Extraschleifen. Er scheute nicht davor zurück, von körperlichen Sekreten zu schreiben, und machte von Schimpfworten und Derbem Gebrauch. Er schrieb keine Hochtheorie, die sich für akademische Festreden oder universitäre Eröffnungsfeiern eignet. Sein robustes Vokabular lehnte sich an den Erfahrungsschatz einer eigenen, sehr realen Welt an, die er in seine theoretischen Betrachtungen mit eingemeindete, anstatt sie als niedere Sprache auszuschließen. Niedere Empfindungen, körperliche Reize und niederringende Affekte nehmen in seinem Werk einen beträchtlichen Platz ein. Er spricht von „Lach-Kotze“, von Fäkalien, liebt derbe Schwänke und untersucht die Struktur von Flüchen. „Lachphimosen“ kommen in seinen Schriften ebenso vor wie mannigfaltige Szenarien des Schmerzes.
Thematik wie Stil machen immer erneut auf den Grundkonflikt seines Denkens aufmerksam und bereits der Titel seines Hauptwerks wirkt wie Prüttings Programmschrift. Nicht homo erectus und homo sapiens sind erneut von der Philosophie zu reklamieren, auch nicht der arbeitend-herstellende Mensch als homo faber. Vielmehr gilt es, auf jene Wesensmerkmale des Menschen aufmerksam zu machen, die sich durch ihre Passivität, ihren Widerfahrnischarakter und ihre affektive Kraft auszeichnen – und die das Lachen prototypisch sichtbar macht.
Prütting ging es zeitlebens darum, die abendländische Gegenüberstellung von Aktivität und Passivität, Herrschaft und Unterworfenheit neu zu denken. Gegen das Ideal des autonomen, sich selbst beherrschenden Subjekts – das Hermann Schmitz einmal so treffend als „faustisches Menschenbild“ charakterisierte – insistierte er auf den passivischen und affektiven Dimensionen menschlicher Existenz. Lachen, Weinen, Erschrecken, Verstörung oder Schmerz erschienen ihm nicht als Defizite menschlicher Selbstbestimmung, sondern als privilegierte Zugänge zum Verständnis des Menschen.
Diese Spannung zwischen Körper und Geist, Hand und Kopf, Theorie und Praxis kennzeichnete bereits seine eigene Biographie. Geboren in Forchheim, verließ Prütting mit sechzehn Jahren die Schule, um zunächst als Bergmann auf einer Zeche in Essen zu arbeiten. Erst danach kehrte er auf die Schulbank zurück und legte 1960 sein Abitur ab. Nachdem er sich zunächst für Geologie und Mineralogie eingeschrieben hatte, studierte er schließlich Philosophie, Germanistik, Psychologie und Theaterwissenschaft in Erlangen und München. 1970 promovierte er über Georg Fuchs am Institut für Theaterwissenschaft in München, an dem er anschließend zehn Jahre lang tätig blieb. Doch auch hier verweigerte er sich dem vorgezeichneten Weg. Er verließ die Universität und arbeitete zwei Jahrzehnte lang am Theater in Ingolstadt und Augsburg. Erst mit dem Rückzug auf seinen abgelegenen Hof begann jene zweite, philosophisch produktivste Lebensphase, in der sein Werk entstand.
Von Ruhe kann dabei allerdings keine Rede sein. Im Gegenteil: Erst jetzt entfaltete sich jene geistige Produktivität, die sein Werk auszeichnet. Homo ridens wurde zur Grundschrift eines philosophischen Programms, in dem sich Theatererfahrung, klassische Bildung, leiblich konkretes Denken und ein eigenständiger anthropologischer Ansatz miteinander verbanden.[6]
Prütting war vor allem ein großer Leser. Seine Werke sind beeindruckende Archive europäischer Geistesgeschichte. Zwischen antiken Autoren, Kirchenvätern, Scholastikern, Renaissancehumanisten, Aufklärern und modernen Denkern bewegte er sich mit größter Selbstverständlichkeit. Berührungsängste kennen auch seine Texte nicht, die Goetheverse oder Brechtworte mit Paragraphen klassischer Philosophie assoziieren.
Dabei war seine Lektüre nie schulmeisterlich. Das von ihm selbst gern zitierte Schopenhauer-Wort, Lesen heiße, „mit einem fremden Kopfe statt des eigenen denken“, trifft auf eigentümliche Weise auch auf seine eigene Arbeitsweise zu. Denn Prütting las nicht folgsam, sondern aneignend. Er scheute sich nicht, Autoren gegen den Strich zu lesen, Positionen zuzuspitzen oder ganze Gedankengebäude auf einen markanten Punkt zu verdichten. Er deutete weniger an, als dass er aussprach. Seine Texte kennen kaum das vorsichtige Zurückrudern; sie kennen vor allem starke Lesarten. Ihn zu lesen heißt deshalb auch, sich vom polemischen Griff gefangen nehmen zu lassen und sich zugleich wieder daraus zu lösen.
Philosophisch bewegte sich Prütting in einem Dreieck von Denkern, die sein Werk nachhaltig prägten: Hermann Schmitz, Wilhelm Kamlah und Helmuth Plessner.
Von Hermann Schmitz und dessen Neuer Phänomenologie übernahm er vor allem die Aufmerksamkeit für die leibliche Dimension menschlicher Erfahrung. Schmitz‘ ausgearbeitete Kategorien der Leiblichkeit und seine phänomenologische Beschreibungskunst beeindruckten Prütting nachhaltig und wurden zum methodischen Vorbild seiner eigenen Untersuchungen. Nicht zufällig bekannte er rückblickend, dass Schmitz der einzige philosophische Gesprächspartner gewesen sei, der seine „intellektuelle Einzelhaft“ durchbrochen habe.
Von Wilhelm Kamlah übernahm Prütting dagegen weniger eine Methode als vielmehr eine philosophische Aufgabe. Er fühlte sich, wie er selbst schrieb, „gleichsam beauftragt, sein philosophisches Vermächtnis“[7] fortzuführen: menschliches Leben unter dem Gesichtspunkt des Widerfahrnisses, der Bedürftigkeit und der Selbstsorge zu betrachten.
In Helmuth Plessners Philosophischer Anthropologie fand Prütting schließlich den theoretischen Ausdruck für eine Erfahrung, die sein eigenes Denken von Anfang an leitete: dass der Mensch nicht nur das Wesen der Distanzierung und Selbstüberschreitung, sondern ebenso das Wesen des Kontrollverlusts, der Regression und des Scheiterns ist. Lachen und Weinen erschienen Prütting daher in Anschluss an Plessner als paradigmatische Situationen des Menschlichen. In ihnen verliert sich der Mensch und gewinnt sich zugleich zurück. Nur mit dem Unterschied, dass Plessner die phänomenologische Mannigfaltigkeit der Formen und Arten des Lachens wenig interessierte.
Vielleicht lässt sich Prüttings Denken deshalb am treffendsten durch ein Bild beschreiben, das ihm selbst besonders wichtig war: den Uroboros, die Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschlingt. In dieser Figur verdichten sich die Grundintuitionen seiner Philosophie.
Der Mensch ist für Prütting immer zugleich Herr und Beherrschter, Emanzipierter und Regredierender, Kopf und Körper, Selbstbehauptung und Selbstverlust. Die personale Form des Lebens bleibt ein prekärer Zustand, der jederzeit erschüttert werden kann. „Das personale Subjekt“, schrieb Prütting, „ist einer ständig latenten Krise der Personalität ausgesetzt.“[8] Doch gerade darin liegt für ihn auch die eigentümliche Würde des Menschen, nämlich die Fähigkeit zu besitzen, nach dem Verlust seiner selbst wieder zu sich zurückzufinden.
Lenz Prütting hat diesem Widerspiel menschlicher Existenz sein gesamtes Werk gewidmet. Seine Denkweise, sein Stil und seine Angriffslust zeugen von einer heute selten gewordenen Verbindung aus klassischer Bildung, anekdotischer Verschmitztheit und philosophischem Eigensinn. Seine unverkennbare Stimme wird fehlen.
von Lukas Fischer (fischer.lukas@posteo.net)
[1] Lenz Prütting, Homo ridens. Eine phänomenologische Studie über Wesen, Formen und Funktionen des Lachens, 4. Auflage als erweiterte Neuausgabe. München/Freiburg: Verlag Karl Alber 2016, S. 7.
[2] Lenz Prütting, »Das kann nicht sein!« : Studien zur Phänomenologie von Verstörungs-Erlebnissen, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2023.
[3] Lenz Prütting, Bedürftigkeit und Würde. Studien zur Ethik personaler Existenz, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2024.
[4] Lenz Prütting, Consumendo consumor oder der uroborische Impuls. Eine anthropologische Studie, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2026.
[5] Lenz Prütting, Das Maß aller Dinge. Eine anthropologische Studie zum Homo-mensura-Satz des Protagoras und seiner Rezeptions-Geschichte, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2023.
[6] Prüttings große Aufmerksamkeit für das Fortleben besonders intensiver Leiblichkeitserfahrungen bei Sängern, Artisten, Theaterleuten, Musikern und Sportlern kehrt in seinem Werk immer wieder. In diesen Metiers, so war er überzeugt, habe sich ein Wissen von menschlicher Leiblichkeit angesammelt, „das die Wissenschaftler und Philosophen erarbeitet haben, auch wenn dieses Wissen völlig unsystematisch-naturwüchsig entstanden und deshalb einigermaßen lückenhaft ist.“ (Nachruf auf Hermann Schmitz) Die eigene Theatererfahrung Prüttings bildete hierfür einen wesentlichen Erfahrungshorizont. Wendungen wie „mit dem Bauch verstehen“ oder „mitgehen“ erschienen ihm deshalb nicht als bloße Redensarten, sondern als Hinweise auf reale leibliche Vollzüge, die sich etwa im Vokabular der Neuen Phänomenologie als Formen der „Einleibung“ beschreiben lassen.
[7] Prütting 2026, S. 8.
[8] Lenz Prütting, „Nachruf auf Hermann Schmitz“. In: Hermann Schmitz (†) – Kondolenz. Gesellschaft für Neue Phänomenologie, 2021. Online: https://www.gnp-online.de/die-gnp/hermann-schmitz-kondolenz.html (Zugriff: 28. Juni 2026).
Siehe auch Gesellschaft für Neue Phänomenologie e.V.







