Beschreibung
Der Roman Die Leiden des jungen Werther machte Goethe 1774 schlagartig europaweit bekannt. Trotzdem unterzog er ihn, als er ihn 1787 neu veröffentlichte, einer einschneidenden Umarbeitung, die inhaltliche wie sprachliche Veränderungen umfasste und Figuren einführte, die es vorher nicht gab. Warum hat Goethe sich diese Mühe gemacht? Und warum bzw. in welcher Weise wurden in unzähligen anderen Fällen literarische Texte, die schon einmal für fertig erklärt und zum Teil auch schon veröffentlicht worden waren, ebenfalls solchen Eingriffen ausgesetzt, teils durch ihre Verfasser, teils nach deren Tod durch fremde Hand? Wer diesen Fragen nachgeht, erhält einen tiefen Einblick in die Werkstatt literarischen Arbeitens, aber auch in das, was man Literaturbetrieb nennt. Betroffen sind Texte aller Gattungen, Meilensteine der Literaturgeschichte und eher Entlegenes. Als Beweggründe für die Veränderungen kristallisieren sich künstlerische Ambitionen ebenso heraus wie nüchternes kommerzielles Kalkül, die Reaktion auf das Publikum wie die Orientierung an veränderten politischen und moralischen Vorstellungen, heute etwa unter dem Aspekt der Wokeness.

