Alfred Nozsicska

Sprachglaube

Seinsgedanke und der Blinde Fleck der Sprache

Erscheinungsdatum: 01.01.2000, 568 Seiten ISBN: 978-3-8260-1894-7
Fachgebiet:
Autor*innen:Alfred Nozsicska

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Beschreibung

Heidegger hat in einem nicht mehr fertiggestellten Vorwort zu der Gesamtausgabe seiner Werke die “Seinsfrage” als eine “mehrdeutige” angesprochen, die aus sich selbst heraus verlange, “den Schritt zurück [zu] vollziehen”; und zwar “zurück vor den Vorenthalt; zurück in das nennende Sagen (>zurück< [...] nicht zeitlich-historisch)." Daß Heidegger die Seinsfrage auf das setzt, was er das "nennende Sagen" bezeichnet, verweist darauf, daß er in seinem Denken die Aussagedimension der Sprache verwirft. Diese Verwerfung und ihre Folgen - das ist der Preis, der zu zahlen ist, um den Seinsgedanken zu gewinnen. Sie verweist uns aber auch auf einen Umstand, der häufig übersehen wird: daß mit der Rede vom Sein sich ein "Fehlsprechen" einstellt. Dieses Fehlsprechen ist keine Beiläufigkeit, sondern hat zu tun mit der Struktur der Sprache selbst. Der entscheidende Fehlschritt des Denkens aber war wohl der, daß dies insistierende Fehlsprechen kompensiert wurde durch die Frage nach dem "Sinn von Sein", wobei dieser "Sinn" in der einen oder anderen Weise wohl zu stützen wäre auf die Erkundung einer zugrundeliegenden Bedeutung des Wortes sein. Die vorliegende Arbeit nimmt jenes "Fehlsprechen" als eine Art Index für den stets insistierenden "Vorenthalt", den die Sprache selbst quasi setzt, sobald man versucht, aus ihr (einen) Signifikanten zu ziehen, (den) die man einsetzen könne, um über das Sein quasi wie über einen Gegenstand zu sprechen. (Heidegger hat bekanntlich die Präposition >über< hinsichtlich >Sein< verworfen und dafür >von< eingesetzt.) Ein Grundgedanke der Arbeit ist, daß jener "Vorenhalt" eben nichts "Äußerliches" ist, sondern das sprechende Subjekt selbst in seinem "Innersten" trifft; vielmehr noch: daß er es im Grunde erst konstituiert - als Subjekt der Sprache. Es ist der Sprache "unterworfen": ergo 'Subjekt' (Lacan), insofern es (mit seinem Sprechen) nie eine Wissensposition beziehen kann, von der aus es 'Sein' - und das bedeutet immer auch sein eigenes Sein - so denken könne, daß es es zugleich bedeutete. Daher ist mit dem 'Seinsgedanken' ein 'Urgefälle' des Wissens gegeben, das die Frage nach der Bedeutung von Sein dort, wo wir sie zu fassen meinen, invertiert zu einer Frage nach dem 'Sein' der Bedeutung. Ein Ziel dieser Arbeit ist es, dieser Inversion eine Kontur zu geben, um die Bedeutungsfrage radikaler stellen zu können. Auf diese Weise wird die 'Seinsfrage' so in die 'Sprachfrage' verwickelt, daß sich jene quasi wie ein synchrones "Experiment" an der Sprache vollziehen läßt. Dadurch wird aber auch die letztere eine andere Richtung erhalten. Sie kann nicht derjenigen folgen, die global als die "buchhalterische" Auffassung von der Sprache genannt werden könnte: Es handelt sich grosso modo um einen Zugang zur Sprache, welcher die Bedingungen der Referenzialität in Hinsicht auf Kriterien ihrer Kommunizierbarkeit kalkuliert. Der Diskurs des Autors setzt dort an, wo jenes "Kalkulieren" ihre Restposten hinterläßt. Und dort gibt es auch - von einer ganz anderen Seite kommend - Berührungspunkte, die vor allem, was die Frage nach der Bedeutung angeht, nicht unergiebig sind. In der heute (noch) dominierenden Philosophie der Sprache, der analytisch/empiristischen (die hier gemeint ist), reduziert sich die "Seinsfrage" mehr oder minder darauf, inwiefern sich zeigen läßt, daß die "Apparate der Referenz" dem Sprachbenützer seine "Ontologie" liefern (oder aufzwingen), und zwar in der Form der Konstitution von Objekten. Was im Grunde ausgeblendet bleibt, ist die Frage nach dem "ontologischen Status" des Sprachbenützers selbst - der sich nicht wesentlich unterscheidet von dem der Objekte. Er ist das "Objekt", das die "Referenzapparate" bedient (was eine soziale Interaktion verlangt). Ist er als solches selbst ein Apparat? In bezug auf den (Eigen-) Namen wird also nicht primär nach seiner referentiellen Funktion (Individuierung) gefragt, sondern: inwiefern er ein Feld determiniert, durch das das Subjekt sich in seinem "ontologischen Status" als Subjekt der Sprache einrichtet und dadurch in bezug auf die Welt ausgerichtet wird. Diese Frage läßt sich aber nur sinnvoll in der Antizipation zum sententialen Feld stellen, was ihr eine holistische Note gibt. Der Satz ist (wie Benveniste innerhalb der Linguistik argumentiert hat) kein (wie immer komplexes) Zeichen, vielmehr muß er in bezug auf das sprechende Subjekt in seiner "Zeitigungsstruktur" erkannt werden. Diese wird hier zu erhellen versucht. Bedeutungen sind, wie H. Putnam sagt, nicht im Kopf. "Wo" sind sie dann? Sind sie überhaupt? Was bedeutet hier sein? "Sind" sie, wo "die Sprache auf die Welt übergreift"? Nun: Bedeutungen sind das, was uns die Welt erst als ein absolutes 'Außen' konstituieren läßt. (Sonst wäre sie ein Traum der Sprache). So könnten wir - Subjekte - dieses "Übegreifen" selbst nie "sehen": Daher sind wir im Blinden Fleck der Sprache, sobald wir versuchten, absolute "Schienen" (der Referenzialität) für dieses Übergreifen zu legen. Die ganze Schwierigkeit liegt darin zu begreifen, wie es die Sprache zuwege bringt, das, was sich durch sie konstituiert, so erscheinen zu lassen, als wäre es ohne sie, so wie es ist. Die vorliegende Schrift ist im Prinzip wohl auch als Prolegomena zu einer Konzeption zu verstehen, die in dem Gedanken fußt, daß es keine "Tatsachen" des Seelischen bzw. Geistigen gibt, die prinzipiell außerhalb des Fakts angesiedelt sind, daß es sprechende Körper gibt. Der Autor Alfred Nozsicska ist Professor am Slawistischen Institut der Universität Wien und lehrt dort neben Linguistik (v.a. Syntax und Semantik) auch Sprachtheorie und -philosophie. Habilitation mit einer Untersuchung der Negation und Quantifikation im Deutschen und Russischen (Die Grammatik der Negation, Wien 1988). Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Syntax (v.a. im Rahmen der Generativen Grammatiktheorie), Semantik und Sprachtheorie.

Autor*innen

Nozsicska, Alfred

Zusätzliche Information

Gewicht1,1 kg
Größe15.5 × 23.5 cm (B × H)
Seiten568
Erscheinungsdatum01.01.2000
ISBN978-3-8260-1894-7   //   9783826018947
ISBN 13978-3-82-601894-7
ISBN 10978-3-82601-894-7
EinbandartKartoniert
SpracheDeutsch
VerlagKönigshausen & Neumann
Verlags-Code05/5108091