Beschreibung
Die Imagination des Orients als Spiegel des Anderen erfährt in der Literatur der Jahrhundertwende eine bedeutsame Variation: In ihrer amoralischen, transgressiven Dimension wird die orientalische Phantasie zum Projektionsraum der modernen Identitätskrise. Wesentliche Aspekte des in der anglo-französischen Kultur vorherrschenden Orientalismus findet man auch in der deutschsprachigen Literatur: nicht nur in den ästhetizistischen und dekadenten Strömungen – von Stefan George bis Hugo von Hofmannsthal, von Richard Beer-Hofmann bis Thomas Mann –, sondern auch im Jugendstil eines Otto Julius Bierbaum sowie im Expressionismus von Alfred Kubin und Else Lasker-Schüler. Nach dem Ersten Weltkrieg dient der Orient als Folie, vor der Hermann Hesse, Franz Werfel, Alfred Döblin sowie Kurban Said und Annemarie Schwarzenbach der destruktiven Epoche eine Zeitflucht entgegensetzen. Dieses Motiv greift auch Joseph Roth, einer der hellsichtigsten Interpreten der habsburgischen Kultur, im Roman Die Geschichte der 1002. Nacht auf. Erweitert um einen Exkurs zur ornamentalen Kunst der Jahrhundertwende untersucht ›Das nie gewesene Morgenland‹ die Orient-Metapher als Raum der poetischen Vision über Ideologiekritik hinaus und rückt Autoren wie Kubin, Musil und Döblin erstmals in diesen Fokus.

