Erzählungen im Spiel von Realismus und Surrealismus
von Janthe Schröder
Das Buch Der Rückwärtsläufer von Jürgen Schlusnus besteht aus 12 Erzählungen und ist 2026 im Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg, erschienen. Die Geschichten, zwischen sechs und 53 Seiten lang, bewegen sich im Spiel von fantastischem Realismus und Autofiktion. Wiederholt kommen Altern, Sterben und Abschied, ein Gefühl für Zeit, Schlaf, Träume, Depressionen, Malerei und Unterwegs-sein vor, die eingebettet sind in auf den ersten Blick alltägliche, aber doch merkwürdige Begegnungen. In einigen Geschichten hat der Autor sich subtil selbst eingebracht.
Beim Lesen wird deutlich, dass der Autor seinen Stil gefunden hat und sich dieser erkennbar durch alle Geschichten zieht. Die Erzählweise ist unaufgeregt mit einem Hauch von Melancholie.
Das Buch hat ein mit 22,5 cm Höhe handliches Format, eine angenehm große Schriftgröße und gut zu lesende Schriftart. Das Cover ist ansprechend gestaltet, lässt jedoch offen, in welchem Zusammenhang die Frau mit der Harfe zu den Erzählungen, insbesondere zu „Der Rückwärtsläufer“, steht.
Die Geschichten handeln überwiegend von Fragen des Lebens, vom Sterben, Verlust und unterschiedlichen und unerwarteten Begegnungen. Da es bei den 12 Erzählungen Figuren und Orte gibt, die wiederholt auftauchen, empfiehlt es sich, sie der Reihenfolge nach zu lesen.
Der Einstieg mit der Geschichte „Auszeit“, in der der Maler Anthon Maria Liebeguth sich auf den Weg zu einer Verabredung macht, kommt etwas langsam in Schwung, die folgenden Erzählungen lesen sich flüssiger.
Die zweite Geschichte ist bereits die Titel gebende Erzählung „Der Rückwärtsläufer“. Es geht um einen Mann namens Schramm, der einen Marathon laufen möchte und skurrile Begegnungen hat. Das Setting in einem Hotel ist atmosphärisch und lässt viele Bilder beim Lesen entstehen. Dem Autor ist es gelungen, die Geschichte ins Surreale abdriften zu lassen, ohne dass es übertrieben wirkt.
In „Komisches Leben“ nimmt der Autor Bezug auf den Ort, wo der Protagonist seine Jugendzeit verbracht hat und alte Erinnerungen hochkommen. Abschied und Sterben liegen hier im Fokus und sind gefühlvoll, ohne kitschig zu wirken in die Erzählung eingebunden.
Bei „Abschied“ taucht eine den Lesenden bereits bekannte Figur wieder auf. Auf Seite 96 gelingt dem Autor ein poetisches Bild vom Gewesenen: „Die Vergangenheit schien sich neuerdings in alle Richtungen zu krümmen…“.
Die Erzählung „Mitten im Leben“ lädt auf die Insel Usedom ein. Sie liest sich flüssig und baut viel Spannung auf. Für Neugier sorgt die Frage, was es mit der rätselhaften Figur auf sich hat, die dem Protagonisten an verschiedenen Orten begegnet.
„Die Verlobung am Starnberger See“ teilt sich in vier Kapitel auf. Hier geht es um die Suche nach der Realität des Lebens und um Eifersucht. Geschickt baut der Autor Hinweise ein, die andeuten, zu welcher Zeit die Geschichte spielt.
Mit knapp 53 Seiten ist „Aussichtsloser Fall“ die längste Erzählung und spielt in Florenz. Die Stadt ist vorstellbar dargestellt, allerdings sind einige Hinweise zu ausführlich und erinnern an einen Reiseführer. Der auktoriale Erzähler kommt gelegentlich zu Wort, spricht die Lesenden an und erklärt ihnen etwas zur Handlung. Da es sich um Dinge handelt, die sich den Lesenden aus der Lektüre erschließen, ist es bedauerlich, dass nicht mehr auf Leseraktivierung gesetzt wurde. Der Hinweis als Fußnote auf Seite 191 ist unnötig und hätte in den Text eingebunden werden können.
„Die Reise nach Florenz“ hat in meiner Phantasie viele Bilder entstehen lassen und wirkte gedanklich am längsten nach. Die Erzählung ist spannend, auch wenn der Kern der Geschichte rätselhaft bleibt. Teilweise erklärt der Autor zu viel, wie zum Beispiel, dass der Protagonist nach einer sehr langen Autofahrt müde ist. Im Text stören häufige Dopplungen, zu viele Adjektive und Klammern.
Bei „Das verfluchte Wort“ frage ich mich, um welches Wort es sich dreht. In der Erzählung geht es nach meinem Verständnis um vier Wörter bzw. um einen ganzen Satz. In der Geschichte kommen wieder bekannte Figuren vor. Es macht neugierig, zu erfahren, wo sie sich gerade befinden und in welcher Situation. In der Erzählung gibt es spannende Wendungen.
Für mich ist die „Krähe“ vom Handwerkszeug die schwächste Geschichte. Die Idee mit der Perspektive aus Sicht einer Krähe finde ich gut, allerdings wird das Lesevergnügen durch viel zu viele Adjektive und Dopplungen (heiß – brennend, mild – versöhnlich, September – kurz bevor der Sommer zu Ende geht, ein erneuter Hinweis, dass es ein schöner sonniger Tag ist) getrübt.
„Zwischen den Zeiten“ spielt überwiegend in einem Intercity-Zugabteil. Leider erfahren die Lesenden erst am Ende, worum es hier geht und was es mit dem Titel auf sich hat. Sehr schön formuliert: „… hole meine Taschen auf den Boden der Tatsachen zurück.“ und „… so wie die Rentner, die immer schon viel zu früh am Ausgang stehen, die es nie abwarten können, so, als hätten sie nicht mehr viel Zeit.“
Mit rund sechs Seiten ist „Die Schwalben“ die kürzeste Erzählung. Hier geht es um den Prozess des Abschiednehmens, wenn eine nahestehende Person verstirbt. Die Geschichte ist mit Blick von oben geschrieben. Die Perspektive wechselt zwischen dem auktorialen Erzähler und einer Du-Ansprache. Mal wird über die Hauptfigur Frank erzählt, dann wird er direkt angesprochen und geduzt. Der Geschichte würde es vielleicht guttun, eine einheitliche Perspektive beizubehalten, wobei das „Du“ hier kreativ gewählt ist.
Die Erzählungen enden oft mit einem gedanklichen Fragezeichen und fordern die Lesenden auf, darüber zu sinnieren, was sich der Autor mit dem Schluss gedacht haben könnte. Wer es mag, sich auf das sanfte Übergleiten von Realität zu Surrealismus einzulassen, wird an den Geschichten Freude haben. Die Figuren in den Geschichten laden ein zum Beobachten der Szenerie, aber halten die Lesenden emotional auf Abstand. Tiefer gehende Konflikte hätten in einigen Erzählungen für mehr Würze sorgen können.







