von Juliane Stievermann
Bernd Stegmann legt mit seinem Gedichtband Flugstunden im Echoraum nach Gefaltetes Leben seine zweite Gedichtsammlung vor. Er lässt sich hier in der Mehrzahl der Texte auf das Wagnis ein, die Musik in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen poetisch zu fassen – nicht verwunderlich, ist er doch selbst Musiker. Das Singen, das Atmen, die Rhythmen, der Klang: sie sind in seinen Texten nicht nur vordergründig vorherrschend, wirklich außergewöhnlich sind einige der Gedichte, in denen die Nähe von Lyrik zu Musik thematisch, aber auch in Versform und Rhythmus offensichtlich wird. Stegmann spürt dabei dem klingenden Medium in allen erdenklichen Lebenswelten nach: im stillen Waldsee (»schwarzes Auge«…»kühler Klang«) mit seinen Wellenringen, in dem sich das Antlitz des Autors spiegelt, im rhythmisierten Alltag der Mönche (»Wieder und wieder») oder in der Staccato-Fuge der Bilder, die beim Blick aus dem Zugfenster vorbeihuscht (»fliehend, sterbend im Nu«). Einmal auf die Spur gesetzt, entdeckt man bei vielen Texten, die eigentlich ganz anders thematisch ausgerichtet sind, Bezüge zum klingenden Medium. Bei Sieben Posaunen z.B. spielt natürlich das Musikinstrument eine Rolle, vielmehr geht es in dieser Aktualisierung der biblischen Offenbarung des Johannes aber um die rhythmische Wiederkehr des Unheils. Oder das in seiner Schlichtheit und Verknappung tief berührende Gedicht Advent. In vier zweizeiligen Strophen wird das jedes Jahr wiederkehrende Warten und Hoffen beschrieben.
Ein weiterer Bereich der Texte umkreist die Themen Leben, Tod, Vergänglichkeit, (z.B. Im Aufwachraum, Zungenbrecher, Gegen Ende, Letzter Plan, Zwei Gedanken über die Zeit) und den Bestand von Beziehungen (Unser Band, Ohne Dich). Aber auch hier steht immer das akustische Medium gewissermaßen Pate. Zwei Beispiele aus diesem Bereich:
UNSER BAND
Wir gehen nur scheinbar ganz stumm Hand in Hand.
Die Schritte, der Puls und der Atem,
sie nähern, entfernen sich
ganz nach Belieben.
Und manchmal, da sind sie
im Gleichklang vereint,
verborgener Takt ist ihr Band.
Wir nennen das unsere Minimal Music, begleitet uns montags bis sonntags durch jedwedes Land.
ALT SEIN
Anker werfen am Brachland
der trockenen Sümpfe.
Tasten durch Wälder
aus fremdem Gesträuch.
Streifen durch karstige Felder vergessener Ernte.
Dann Singen.
Singen mit Worten,
Strophe um Strophe um Strophe.
Bleib auf der Brücke
vom Gestern zum Morgen.
Stegmann experimentiert frei mit unterschiedlichsten Formen von Reim und Versmaß, seine Texte bauen dabei jedoch keine künstlich wirkenden Barrieren auf. Auffälliges Merkmal aller Gedichte ist ihre enorme Verknappung. So öffnet das Gedicht Karsamstag in nur fünf Worten (»am Horizont der helle Aufbruch«) den Ausblick auf Hoffnung. Vielleicht lädt gerade diese Konzentration auf wenige Worte dazu ein, die Texte weiterzudenken. Der Band enthält zehn Kunstwerke von Renate Lübcke, die einzelne Gedichte nahezu symbiotisch ergänzen.







