Interview mit Krystyna Kuhn zu ihrem neuen Roman „Julitage“
Entscheidet man sich für die Wahrheit, auch wenn mit der Wahrheit alles zerfällt? In diesem Konflikt findet sich Pauline Wyss in Krystyna Kuhns neuem Roman Julitage wieder, als sie den Nachlass ihrer verstorbenen Großmutter Jette sortiert. Denn Jette kann ihre berühmten Gedichte gar nicht selbst verfasst haben. Tatsächlich stammen sie von Debora Gold, einem jüdischen Mädchen aus Lemberg, dem die Großmutter während des 2. Weltkrieges dort begegnet ist. Das Literaturportal Bayern sprach mit Autorin Krystyna Kuhn über Narration, Schreibprozess und Plagiatsprobleme. Das Interview führte Ekaterina Broska.
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LITERATURPORTAL: Liebe Frau Kuhn, in Ihrem Roman Julitage zögert die Protagonistin zunächst, die wahre Autorin der Gedichte preiszugeben. Was wäre, wenn in Ihrer Familie so ein Familiengeheimnis auftauchen würde? Wie würden Sie damit umgehen?
KRYSTYNA KUHN: In Julitage geht es um den Konflikt zwischen Wahrheit und Loyalität. Pauline will den Diebstahl von Deboras Gedichten öffentlich machen. Andere wollen den Ruf der Familie schützen. Zu Beginn war ich mir sicher, ich würde einen derartigen Betrug nicht verschweigen, die Wahrheit muss schließlich siegen. Am Ende hatte ich Zweifel, ob ich den Mut hätte, mich gegen meine Familie zu stellen. Doch was verschwiegen wird, verschwindet nicht, sondern kehrt auf anderen Wegen zurück. Wir wissen ja heute, dass die Folgen von Kriegstraumata über Generationen weiterwirken können. Ich glaube, Schweigen macht krank, Erzählen bedeutet eine Befreiung. Deshalb ging es mir in diesem Roman immer auch um die Kraft und die Notwendigkeit des Erzählens.
LPB: Das lyrische Plagiatsproblem zieht sich durch den gesamten Roman. Sie erkunden die Frage nach echter Autorenschaft und gleichzeitig scheint Jette bei der Aneignung der Gedichte nicht aus böser Absicht gehandelt zu haben. Umso mehr stellt sich in Zeiten von KI die Frage: Was macht für Sie Urheberschaft aus?
KUHN: In Julitage ist der Fall klar: Debora Gold ist die Urheberin der Gedichte. Die Texte sind das Ergebnis ihrer persönlichen geistigen Schöpfung, daran gibt es keinen Zweifel. Doch ist jeder Text auch ein Echo anderer Texte, Erfahrungen und kultureller Traditionen. Schöpferisch wird der Akt, wenn aus diesen Einflüssen eine eigene Form, eine neue Perspektive und eine unverwechselbare Stimme entstehen.
Auch die KI kombiniert und transformiert vorhandene Texte. Doch stehen hinter diesem Prozess keine persönlichen Erfahrungen, keine Auseinandersetzung mit der Welt und keine persönliche Verantwortung. Genau hier wird für mich die Diskussion spannend: Wann bleibt KI nur ein Werkzeug eines Künstlers bzw. einer Künstlerin und wann ersetzt sie ganz oder in Teilen den künstlerischen Schaffensprozess? Wir müssen erst einmal verstehen, was wir meinen, wenn wir von einem schöpferischen Akt sprechen.
LPB: Im Zentrum des Romans steht eine gestohlene literarische Stimme – Deboras Gedichte. Das heißt aber: Sie als Autorin mussten diese Gedichte selbst schreiben. Sie mussten die Stimme erschaffen, deren Diebstahl Ihr Roman beklagt. Wie war es, diese Verse zu verfassen? Empfinden Sie das selbst als eine Form von Aneignung?
KUHN: Ich habe 32 Gedichte geschrieben, bevor ich mit dem Roman begonnen habe. Deboras Stimme war also zuerst da; die Geschichte ist um sie herum entstanden, nicht umgekehrt. Mein Unbehagen war zwischendurch groß – aber es galt dem Holocaust selbst, der Verantwortung, ihn zu erzählen. In Deboras Stimme zu schreiben, hieß für mich nicht, mir etwas anzueignen, sondern einer Stimme Ausdruck zu verleihen – das genaue Gegenteil dessen, was Jette im Roman tut. Und darin liegt für mich die Kraft von Julitage: Der Roman rettet (fiktiv) die Geschichten von Menschen und damit ihr Andenken.
LPB: Kapitelweise rekonstruieren Sie auch scheiternde Liebesbeziehungen vor der historischen Brutalität der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Bisher sind Sie vor allem als Thriller- und Krimiautorin aufgetreten. Wieso haben Sie sich für den Genre-Wechsel entschieden und inwiefern hat das den Schreibprozess verändert? Gab es vielleicht sogar Ähnlichkeiten?
KUHN: Das Schreiben von Genre-Literatur fiel mir mit der Zeit zunehmend schwerer. Es begann mich zu langweilen, und ich hatte Themen im Kopf, für die mir der Krimi oder Thriller zu eng und zu sehr von bestimmten Erwartungen geprägt erschien. Ich wollte andere Geschichten erzählen und neue erzählerische Räume erkunden.
Der Schreibprozess hat sich insofern verändert, als ich nicht mehr auf bewährte dramaturgische Muster zurückgreifen möchte. Jeder Stoff verlangt nach seiner eigenen Komposition, seiner eigenen Sprache und seinem eigenen Rhythmus. Das ist eine Herausforderung, aber auch ein großes Geschenk. Ich bin eine Abenteurerin. Ich erfinde mich gerne immer wieder neu. Gleichzeitig gibt es durchaus Verbindungen. Auch Julitage ist eine Suche nach der Wahrheit. Es gibt ein Geheimnis, eine Schuldfrage und eine langsame Enthüllung der Vergangenheit – also Elemente, die auch den Krimi prägen. Nur geht es nicht mehr um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern um die Erforschung menschlicher Beziehungen und der Geschichte, die in Familien weiterlebt.
LPB: Durch das Einbinden tatsächlicher Ereignisse und Schriftsteller findet der Roman seine historische Authentizität. Ossip Mandelstam und Selma Meerbaum-Eisinger etwa sind nur zwei der zahlreichen realen Personen, die neben den fiktiven Figuren vorkommen. Welche Möglichkeiten eröffnet Ihnen dieses Verweben von historischer Realität und Fiktion? Und wo sehen Sie die Grenzen, wenn man das Leben tatsächlicher Menschen literarisch gestaltet?
KUHN: Die Verbindung von Fiktion und historischer Realität macht mir zunächst einmal großen Spaß. Ich recherchiere gern, und es war mir immer wichtig, meine Romane in einem historischen Kontext zu verankern. Das galt schon für die frühen Krimis. In Julitage war es besonders wichtig, weil ich zeigen wollte, wie stark historische Ereignisse in das Leben von Menschen eingreifen, deren Namen nicht in den Geschichtsbüchern stehen.
In der Fiktion kann ich diese verborgenen Schicksale erzählen. Wenn es um historische Persönlichkeiten wie Ossip Mandelstam oder Selma Meerbaum-Eisinger geht, ziehe ich allerdings eine klare Grenze. Ich lasse sie nur so auftreten, wie es die Quellen zulassen. Ich möchte ihnen keine erfundenen Worte, Gedanken oder Motive zuschreiben. Dafür habe ich zu großen Respekt vor ihrem Leben.
LPB: Gab es einen Moment während Ihrer Recherche, in dem eine historische – oder eine fiktive – Figur Ihre Handlung in eine unerwartete Richtung gelenkt hat?
KUHN: Ich bin keine Planerin, das heißt, ich entwickle einen großen Teil der Handlung beim Schreiben und aus der Intuition heraus. Da kommt es immer wieder zu unerwarteten Wendungen, gerade bei den Figuren. Wirklich überrascht hat mich Jette, die Großmutter der Hauptfigur Pauline. Das Motiv, warum sie Deboras Gedichte stiehlt, war so nicht geplant. Und Adam Mandelstam, dem Debora die Gedichte gewidmet hat, handelt am Ende anders als ich erwartet habe. Diese unerwarteten Wendungen machen den Schreibprozess so spannend.
LPB: Was war das ursprüngliche Motiv für Jettes Diebstahl?
KUHN: Jette will Schriftstellerin sein, Dichterin – doch ihr fehlen die Begabung, die Sprache, die Tiefe. Ich hatte ursprünglich als geltungssüchtige Figur angelegt, der jedes Mittel recht ist, um berühmt zu werden. Beim Schreiben hat sie dann eine andere Entwicklung genommen, und darüber bin ich froh: Ich wollte die tragenden Figuren nicht als Schwarz-Weiß-Schablonen zeichnen. Es geht um Krieg, und davon bleibt kein Leben unberührt.
LPB: In Julitage wird der Familienbegriff als monistisches Konstrukt verhandelt. Paulines Familie in Frankfurt, die ein Tuch des Schweigens über die Vergangenheit wirft, scheitert, während ihre neugewonnene Familie in Lemberg gerade deshalb funktioniert, weil sie miteinander redet. Wieso können beide Familienentwürfe nicht koexistieren? Welche Botschaft wollen Sie damit vermitteln?
KUHN: Familien sind keine starren Konstrukte, sondern komplexe Systeme voller emotionaler Widersprüche. Gerade deshalb fällt es Pauline so schwer, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Die Gegenüberstellung der beiden Familiensysteme funktioniert im Roman als dramaturgische Kontrastfolie. Die Opposition ist weniger eine Aussage über Familie an sich, als vielmehr ein erzählerisches Mittel, um die Kosten des Schweigens und die Möglichkeiten des Erzählens sichtbar zu machen. Schweigen kann kurzfristig schützen, langfristig aber Beziehungen vergiften.
LPB: In Julitage handeln und wirken männliche Figuren primär als Hilfsfiguren. Auch Ihre Mädchenthriller sind ähnlich strukturiert. Warum arbeiten Sie das Plagiats- und Familienproblem nur anhand weiblicher Figuren auf?
KUHN: Da möchte ich zunächst widersprechen. Adam Mandelstam ist keine Hilfsfigur, sondern eine starke, eigenständige Persönlichkeit, die entscheidend in die Handlung eingreift.
Richtig ist aber, dass der zentrale Konflikt – der sich um die Gedichte und das Familiengeheimnis dreht – zwischen den Frauen ausgetragen wird. Das hat einen thematischen Grund: Julitage erzählt im Kern von einer Stimme, die einer jungen Frau gestohlen und einer anderen zugeschrieben wird. Diese Geschichte über Autorschaft und Aneignung spielt sich also zwischen Frauen ab. Und vielleicht liegt meine Neigung zur weiblichen Perspektive auch in meiner eigenen Biografie. Ich bin mit fünf Schwestern und zwei Brüdern aufgewachsen. Die familiären Konflikte wurden bei uns überwiegend von den Frauen verhandelt – das hat meinen Blick auf Beziehungen und Familiengeschichten sicher geprägt.
LPB: Sie bauen Lemberg als einen ambivalenten Ort auf. Einerseits wird auf die grausame Vergangenheit verwiesen, etwa durch die Bemerkung, die Stadt sei auf einem Fundament aus den Trümmern jüdischer Grabsteine gebaut. Andererseits erlebt Jette die kulturellen Eindrücke der Stadt zunehmend als eine Art neu entdeckte Heimat, die sie lieben lernt. Wie haben Sie beim Schreiben die Balance gehalten, um die faszinierende Aura des Ortes nicht zu einer Verklärung seiner gewaltvollen Historie werden zu lassen?
KUHN: Vielleicht gelingt diese Balance, weil mir der Osten Europas nicht fremd, sondern zu einer zweiten Heimat geworden ist. Ich habe in Polen studiert, war zweimal in Lemberg und reise bis heute regelmäßig nach Krakau – eine Stadt, die Lemberg sehr ähnelt. Beide sind historisch geprägt von einer wechselvollen, oft leidvollen Geschichte. Das kann ich nicht ignorieren. Das Bild vom Fundament aus zertrümmerten jüdischen Grabsteinen macht eines sichtbar: Nicht nur Menschen, auch Orte sind Träger von Erinnerungen. Und diese Erinnerungen müssen erzählt werden. Das ist letztlich das, worum es mir in Julitage insgesamt geht.
LPB: Mittlerweile gibt es eine unüberblickbare Menge an Romanen, die das innerfamiliäre Schweigen in Bezug auf den 2. Weltkrieg fiktiv thematisieren, wie etwa Vienna (2007) von Eva Menasse, Die Verwandelten (2023) von Ulrike Draesner oder Am Beispiel meines Bruders (2003) von Uwe Timm. „Das alles ist doch längst vorbei“ sagt auch die Schwester Ihrer Protagonistin. Sehen Sie angesichts der Fülle an Werken zu diesem Thema überhaupt noch eine erzählerische Notwendigkeit im deutschsprachigen Raum, oder ist diese Art von Literatur nicht längst ausgeschöpft – wenn nicht gar erschöpft?
KUHN: Weder sind Kriege vorbei noch die familiären Traumata, und auch das Thema Raubkunst ist hochaktuell. Während der NS-Zeit wurden unzähligen jüdischen Familien Kulturgüter geraubt, und nur in den seltensten Fällen gelingt bis heute eine Rückgabe. Genau dort setzt mein Roman an – beim Diebstahl einer literarischen Stimme bis hin zur Auslöschung einer Identität.
Damit ist Julitage auch ein Plädoyer für die Autorinnenschaft und die schöpferische Leistung einer Künstlerin. Es ist eben nicht nur ein Roman über das Schweigen, sondern auch über die Kraft und die Notwendigkeit des Schreibens. Und das berührt wieder die Frage nach KI: Es muss schnellstmöglich verhandelt werden, was schöpferische Leistung leistet. Für mich ist eines klar: Solange der Mensch schöpferisch tätig sein will und muss, wie Debora Gold in Julitage, darf die KI die Künstlerin bzw. den Künstler nicht ersetzen.







